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Von einstürzenden Kursen, liquidierenden Makern und schrumpfenden Channels

Hallo, Freitag der 13.: Die Preise von Bitcoin und andere Kryptowährungen sind stärker eingebrochen als je zuvor. Die Corona-Krise wird zum Crash, der Markt aller Kryptowährungen verliert 100 Milliarden Dollart. Daneben greift die Panik sowohl das Bitcoin- als auch das Ethereum-Netzwerk an, mit für viele User unangenehmen Folgen.

Ja, das hat weh getan. Der Bitcoin-Preis ist in wenigen Tagen um bis zu 40 Prozent gefallen. Ich kann mich nicht erinnern, dass so etwas jemals vorkam, abgesehen davon, wenn eine Blase ihre Spitze erreicht und vor dort aus runtergefallen ist. Aber ansonsten? Niemals.

Bitcoin fiel innerhalb weniger Tage von mehr als 9.000 Dollar auf ein Tief von knapp 4.000 Dollar – hat sich mittlerweile aber wie auf knapp 6.000 Dollar hochgerapelt. Chart: Coinmarketcap.com

Ich selbst bin nicht allzu beunruhigt. Der Preis ist gefallen, und er wird auch wieder steigen, das zeigt auch, dass auf einen Crash auf knapp 4.000 Dollar eine Erholung auf knapp 6.000 Dollar folgte. Das aber ist meine persönliche Meinung, die durch nichts als ein lauwarmes Gefühl begründet wird, und die als Investment-Anweisung in keinster Weise nützlich ist. Das sieht man schon eine Stunde später: Nun steht der Kurs wieder bei 5.100 Dollar. Die Verunsicherung ist groß.

Generell weht über dem derzeitigen Geschehen auf allen Börsen aller Märkte etwas Beunruhigendes. Die Aussicht, dass die Welt für einige Wochen oder Monate herunterfährt, die Menschen weniger im Büro sind, weniger reisen, weniger Veranstaltungen besuchen und der internationale Handel ein wenig abkühlt – diese Aussicht scheint auszureichen, um alle Märkte einbrechen zu lassen. Dies zeigt eine tiefgehende Verunsicherung der Wirtschaft, so, als würden die Märkte ihrem eigenen Wert nicht glauben, und als wüsste jeder, dass alles aus Sand gebaut ist. Oder ist unsere heutige Ökonomie wirklich wie der Radfahrer, der stürzt, sobald er für einen Moment keine Geschwindigkeit mehr hat?

Die gesamte Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen fiel in der Woche von mehr als 260 Milliarden Dollar auf ein Tief von weniger als 120 Milliarden, steht derzeit aber mit einem Verlust von 100 Milliarden Dollar bei 160 Mrd. Dollar. Chart ebenfalls von Coinmarketcap.

Die wirklich schlechte Nachricht für Bitcoin ist die, dass die Kryptowährung dem globalen Crash nicht trotzen kann. In all den vergangenen Jahren, als die Finanzkrise erst in Zypern und dann in Griechenland explodierte, als das internationale Bankensystem durch neue Sanktionen weniger effizient wurde, als die Notenbanken neues Geld druckten und Indien das Bargeld verbot – immer sah es aus, als sei Bitcoin ein Krisengewinner. Diesmal ist es anders. Bitcoin verhält sich nicht anders als eine zweitklassige Aktie, die dem Taumel, der alles herunterreisst, nichts entgegensetzen kann.

Ebenso ungünstig ist, dass die Volatilität so hoch ist wie nie zuvor. Darüber habe ich schon Anfang der Woche geschrieben, die letzten Tage haben das Problem nochmal schlimmer gemacht. Wer zum Teufel will eine Währung, deren Preis so verrückt herumspringt? Für jeden, der Bitcoin als Zahlungsmittel benutzen will, der möchte, dass Unternehmen Bitcoin akzeptieren, dass die Kunden mit Bitcoin bezahlen, dass die Lieferanten und Mitarbeiter Bitcoin bekommen – für den sind die Kursturbulenzen der letzten Tage eine denkbar schlechte Nachricht. Mit dem Anstieg der Kurse ab 2017 wurde Bitcoin nicht weniger volatil, sondern mehr; die Erklärung dafür ist vermutlich, dass Bitcoin eben nicht deutlich mehr benutzt wird, sondern ein Großteil des Kapitals, das in die Kryptowährung floss, Spekulation und vielleicht auch Investment ist. Anstatt zum digitalen Bargeld für die ganze Welt wurde Bitcoin offenbar zum Spielzeug von Spekulanten.

Die Volatilität trifft nicht nur Händler hart. Sie greift auch in die Mechaniken von Kryptowährungen selbst ein. Das zeigte sich sowohl bei Bitcoin als auch bei Ethereum.

Im MemPool herrscht Stau, die Kapazität der Channels schrumpft

Bei Bitcoin hat sich in den letzten Tagen ein Stau im MemPool der unbestätigten Transaktionen aufgebaut. Die Kurse fallen und steigen und fallen noch tiefer, und natürlich wollen Leute deswegen Bitcoins auf Börsen senden. Daher gibt es mehr Transaktionen, die aber auf eine sehr eng begrenzte Kapazität von etwa 1,2 Megabyte alle zehn Minuten stoßen. Die Folge? Transaktionen bleiben lange unbestätigt, die Gebühren steigen.

Derzeit kostet es 70-80 Cent, gerne auch mal mehr als einen Euro, um eine Transaktion wahrscheinlich in den nächsten Block zu bekommen. Wer zuwenig bezahlt, sagen wir, 30 bis 40 Cent, darf Stunden warten, wer noch weniger bezahlt, kann sich auf Tage einstellen. Falls man gerade vorhatte, seine Coins auf eine Börse zu überweisen, um sie zu verkaufen, bevor die Kurse weiter einbrechen – oder wer das im an sich richtigen Moment vorhatte – wird sich kräftig darüber ärgern. Bitcoin ist nicht nur hochvolatil, sondern auch extrem langsam, so der Eindruck, und die Gebühren für Transaktionen sind unberechenbar.

Jochen Hoeneckes Visualisierung des Bitcoin-MemPools. Die farbigen Schichten geben die Gebühren der unbestätigten Transaktionen an. Wer derzeit im nächsten Block bestätigt werden will, sollte eine Transaktion senden, die weniger als 1 Megabyte anderer Transaktionen über sich hat. Dafür muss er derzeit rund 70-80 Satoshi je Byte zahlen, was bei einfachen Transaktionen etwa 90 Cent sind, aber je nach Wallet auch leicht auf 1-2 Euro springen kann. Quelle: Johoe’s MemPool

Das Problem ist nicht wirklich neu, sondern verfolgt uns schon seit Mitte 2017. Sobald Bewegung in den Markt kommt, bildet sich ein Stau im MemPool, und die Gebühren werden unberechenbar. Leider gibt es bis heute noch keine Lösung für dieses Problem, das sich die Bitcoin-Community selbst auferlegt hat, indem sie 2017 nicht erlaubte, die Blocksize zu erhöhen.

Die Kapazität des Lightning-Netzwerks ist so tief wie seit rund einem Jahr nicht mehr. Quelle: BitcoinVisuals

Skalieren soll Bitcoin, so die weitläufige Überzeugung, durch das Lightning-Netzwerk, jene Offchain-Lösung, die seit spätestens 2015 im Gespräch ist. Lightning ist zwar bereits live und rege in Gebrauch, aber von einer echten Marktreife ist es noch ein Stück entfernt. Angesichts des Corona-Crashes zeigen sich nun einige weitere Probleme.

Wer Lightning benutzt, benötigt sogenannte Payment-Channels, in denen er Bitcons einschließt. Diese werden dann über mehrere Stationen anderer Lightning-Nodes zum Zielort übertragen. Wenn nun aber der Preis von Bitcoin um 40 Prozent sinkt, dann sinkt auch die Kapazität aller Lightning-Channels um 40 Prozent. Die Beträge, die man zuverlässig durchs Netzwerk routen kann, werden geringer. Gleichzeitig sind die onchain-Gebühren explodiert, was bedeutet, dass der Minimal-Betrag, den ein Lightning-Channel halten muss, um sicher vor Betrug zu sein, ebenfalls ansteigt. Manche dünnen Channels könnten schon jetzt ein nur noch halblebendiges Dasein fristen.

Der Crash von Bitcoin beeinträchtigt damit auch die Funktion von Lightning als Zahlungsmittel.

Ethereum-Netzwerk stößt während Crash an sein Limit

Ein sehr ähnliches Problem hat Ethereum. Auch hier übersteigt das Transaktionsvolumen die Kapazität; derzeit warten rund 70.000 Transaktionen auf die Bestätigung, und die Gebühren, bei Ethereum Gaspreise genannt, sind sprunghaft angestiegen. Auch Ethereum-Transaktionen werden teuer und langsam, was auch deswegen ungünstig ist, weil der Großteil der Tether-Dollar auf Ethereum läuft.

Noch unbestätigte Transaktionen bei Ethereum laut EtherScan

Ein besonders dramatischer Effekt davon war bei der Maker-DAO zu sehen, jener dezentralen Organisation, die durch den richtigen Einsatz von Ether das SAI-Token an den Dollar bindet. Die genauen Hintergründe sind komplex, aber grob gesagt ist das Folgende passiert: Weil die SAI-Dollar durch Ether gedeckt sind, aber deren Preis fiel, kam es zu Liquidationen der Coins, die die Mitglieder der Maker-DAO halten. Das ist vollkommen korrekt und soll so sein.

Allerdings waren die Märkte, auf denen die Coins liquidiert werden, nicht liquide genug. Daher war es für die DAO-Mitglieder schwierig, wenn nicht unmöglich, angemessene Preise zu erhalten, während die Coins automatisch verkauft wurden. Gleichzeitig war das Netzwerk verstopft, weshalb die Aktionen rund um den Smart Contract teuer wurden. Einige der Maker haben es gar nicht geschafft, ihre notwendige Aktion zu übermitteln. Das Ergebnis sieht man in zahlreiche Beschwerden in den sozialen Medien von Personen, die hunderte, teils sogar tausende, Ether dadurch verloren haben.

Die Gebühren bei Ethereum – die sogenannten Gaspreise – sind explodiert. Quelle: ebenfalls EtherScan.

Die Maker-DAO wurde durch den Preissturz in eine schwierige Lage gebracht. Die nukleare Option für die DAO wäre der Shutdown, eine absolute Notmaßnahme, die dafür da ist, weitere Verluste an Ether zu verhindern. Sollte dies geschehen, würden mehrere Millionen Ether auf den Markt strömen und womöglich einen weiteren Verkaufsdruck aufbauen. Dies könnte ein Teil einer selbstverstärkenden Spirale sein, die durch einen „schwarzen Schwan“, also ein sehr zufälliges Ereignis – dem Corona-Virus – ausgelöst wurde.

Trotz allem ist der SAI-Dollar auch für eine gute Nachricht zu gebrauchen. Denn er hält seinen Wert von etwa einem Dollar. Zwar ist der SAI-Preis in den letzten Tagen ebenfalls durch einige Turbulenzen gegangen, mit einer Spitze von 1,08 Dollar und einem Tief von 92 Cent. Aber in diesem Moment ist er wieder bei exakt einem Dollar. Er hat sich eingefangen, das System funktioniert. Immerhin.

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