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Von DeFis, CeFis und CeDeFis

Eine chinesische Kryptobörse versucht, auf den DeFi-Zug aufzuspringen und erörtert, welche Rolle zentralisierte Börsen in einem dezentralisierten Finanzsystem ausüben können. Ist da noch ein Platz frei für sie?

Diejenigen, die dafür bezahlt werden, über die Welt nachzudenken, sind ihr oft schon einige Schritte voraus. Bei Sharlyn Wu sind es ziemlich große Schritte.

Die Chinesin arbeitet für die Börse Huobi und widmet sich dort dem DeFi-Phänomen: den Apps der Dezentralen Finanzen („DeFi“), die in der Regel als Smart Contract auf der Ethereum-Blockchain laufen und darum Mittelsmänner überflüssig machen. Während DeFi im Kryptobereich zwar schon ordentliche Wellen schlägt, aber insgesamt noch ein ziemlich überschaubar-großes Ereignis abgibt, steht es für die DeFi-Szene vollkommen außer Frage, dass sie schon jetzt an der Zukunft des Finanzwesens schrauben. Leugnet das irgendjemand ernsthaft? Was soll es denn sonst sein? Etwa die alte Milchkuh „CeFi“ – Centralized Finance?

Für Wu ist die Zukunft beides: CeDeFi. In einem Blogpost erklärt sie, was die Vorteile von DeFi sind – und warum sie weiterhin Raum für CeFi lassen. Dabei bringt sie die Attraktivität von DeFis wie UniSwap, die oft so rätselhaft wie unwiderstehlich ist, auf einen interessanten Punkt: „Es gibt im Finanzwesen zwei Arten von Risiken: Kreditrisiken und Volatilitätsrisiken.“ Die Blockchain erlaubt es „zum ersten Mal in der Geschichte, geldartige Assets und Finanztransaktionen zu schaffen, die nur ein Volatilitätsrisiko in sich tragen.“ DeFi meint in diesem Sinn eine Finanzdienstleistung ohne Kreditrisiko: Man muss niemandem Geld anvertrauen, um einen Service zu nutzen. Daher gibt es auch kein Risiko, dass das Geld veruntreut oder sonstwie verloren wird. Allein das macht die Frage, ob CeFi oder DeFi, zum No-Brainer.

Dem gegenüber steht allerdings eine gewisse Langsamkeit von DeFi. Während die CeFis auf schnellen und gut skalierbaren Servern laufen, die quasi kostenlos zehntausende Operationen je Sekunde ausführen können, sind DeFis lahm und teuer. Ethereum macht gerade mal 5-7 Transaktionen je Sekunde, vielleicht auch mal 8-10, und wenn die Nachfrage „nach DeFi“ steigt, wird das für den User ziemlich schnell ziemlich eklig teuer. DeFis können daher den CeFis gar keine Konkurrenz machen, wenn es darum geht, High-Frequency-Trades auszuführen oder in Echtzeit Preise durch tausende von Faktoren zu entdecken.

Das ganze klingt nach einer perfekten Arbeitsteilung, oder? DeFis können nicht alles, aber manches, wie Versicherungen, Investitionen und Transaktionen, besser und sicherer als CeFi. In diesem Bereich kann keine Geschwindigkeit es aufwiegen, dass das Kreditrisiko aus der Welt geschafft wurde. Daher prognostiziert Wu, dass „ein traditioneller, mehrere Billionen Dollar schwerer Finanzmarkt graduell von DeFi aufgesaugt wird, da es keinen Grund dafür gibt, warum man weiterhin hohe Gebühren bezahlen und Kreditrisiken von Goldmännern hinnehmen sollte, wenn DeFi das gleiche Problem perfekt lösen kann.“ Diese Vorhersage sollte sich jeder, der sich als Mittelsmann in besagten Bereichen verdingt, ausdrucken und an die Wand hängen. Die Luft wird graduell enger werden.

Wus Job bei Huobi ist es, 10 DeFi-Protokolle zu finden, die den derzeitigen Hype überleben werden und als „Rückgrat der Liquidität des kommenden Finanzwesens“ dienen. Die zentrale Börse, Huobi, möchte als Geburtshelfer von Protokollen fungieren, die sie selbst verschlingen. Warum?

DeFi und CeFi müssen nicht nur aneinander vorbeiarbeiten, sondern können auch kooperieren: Sie werden „zusammen das traditionelle Finanzwesen fressen und die besten Usecases hervorbringen.“ Wie sie das genau meint, erklärt Wu in einem Interview mit Decrypt: Das künftige Finanzwesen werde „User-Auffahrten durch CeFis haben und dann durch DeFi-Protokolle bedient werden. Wir nennen es daher CeDeFi.“

Die Rolle einer Börse wie Huobi soll es sein, User durch „das Krypto-Tor zu führen“ und ihnen zu helfen „die besten DeFi-Erträge auf einer Blockchain zu ernten.“ Die Börse wird zum endgültigen Defi-Frontend, vor dem die User nicht einmal mehr wissen müssen, durch welches DeFi-Protokoll sie verdienen. Wichtig ist für sie nur, dass sie Geld hinterlegen und dafür Erträge bekommen. Im Prinzip bleibt alles beim Alten, nur dass hinter dem Frontend keine Datenbank mehr ist, sondern eine Schaltung zur Blockchain.

Durch CeDeFi möchte Wu für Huobi also das Rad vor- und die Zeit zurückdrehen. Die Börsen sollen mehr Usern helfen, DeFi zu benutzen, und damit mehr Liquidität in die Protokolle pumpen und es mehr Menschen ermöglichen, an dem neuen Finanzsystem teilzuhaben. Andererseits wollen sie zum Gatekeeper werden, zum Türsteher und Mittelsmann, der sich zwischen die User und die Protokolle zwängt. Das führt natürlich zur Frage, welcher Sinn dann übrig bleibt: Wozu braucht man ein Protokoll ohne Mittelsmänner, wenn man neue Mittelsmänner einführt? Die Bank ist tot, es lebe die Bank?

So berechtigt die Frage ist, schießt sie doch leicht am Ziel vorbei. Nicht alle Mittelsmänner sind gleich, und nicht alle Strukturen, die User über Mittelsmänner mit dem Finanzsystem verbinden, sind dieselben. Weniger Mittelsmänner sind auch mit DeFi besser als viele Mittelsmänner, und grundsätzlich erlaubt DeFi eine viel höhere Transparenz – also eine bessere Überwachung der Mittelsmänner – und macht es prinzipiell auch möglich, dass Börsen nicht nur als Verwahrer auftreten, sondern, gerne optional, als reines Fenster, das den Weg in DeFi weist, während die User weiterhin ihre Schlüssel halten. Die User müssen nicht selbst im Maschinenraum Hand anlegen, um von DeFi zu profitieren – um unabhängiger von den Mittelsmännern zu werden, die sie weiterhin benutzen.

Es gibt also die Option, dass CeDeFi tatsächlich das beste aus den beiden Welten verbindet, aus dem dezentralen und dem zentralen Finanzwesen. Aber natürlich kann dabei auch eine Menge schiefgehen.

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