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Optimismus für Bitcoin, Gesundheit als Religion — und die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Lernt euch selber kennen! Der erste Teil der Auswertung unserer Urlaubsumfrage wirft ein allgemeines Licht auf euch – auf die Leser dieses Blogs als Vertreter der deutschen Bitcoin-Szene. Wir erfahren, was euch an Bitcoin reizt, wie ihr Kryptowährungen verwendet und, ganz allgemein: Was euch glücklich macht und wichtig ist.

377 von euch haben an der letzten Umfrage teilgenommen, und die allermeisten haben auch bis zum Ende durchgehalten. Dafür erst einmal vielen Dank! Das mindeste, was ich euch dafür schulde, ist eine ausführliche Auswertung der Ergebnisse.

Wir beginnen mit einer allgemeinen Auswertung – was habe ich in der Umfrage über euch, die Leser dieses Blogs, erfahren?

1. Die Generation

Unter Generation meine ich, wann ihr zu Bitcoin gefunden habt. Diese Frage ist nicht ganz unwichtig, da ihr, je nach Generation, Bitcoins und andere Kryptowährungen zu günstigen Preisen kaufen konntet. Darüber hinaus zeigt es auch, wie lange ihr (potenziell) das Geschehen beobachtet und Erfahrung mit der Technologie gesammelt habt.

Das Ergebnis dieser Frage ist recht typisch: Bitcoin sammelt Menschen in Wellen an.

Vor 2011 fand kaum jemand zu Bitcoin, die beiden großen Wellen rauschten 2013 und 2017 an. Dies war mir schon seit einiger Zeit bekannt. Die Delle 2019, in der so wenig Bitcoiner gemacht wurden wie vor 2011, ist interessant, der leichte Anstieg ab 2020 ebenfalls.

Man hätte allerdings erwarten können, dass der extreme Preisanstieg 2021 auch mit einem extremen Hype einhergeht, der viele Leute zu Bitcoin bringt. Das ist, zumindest unter unseren Lesern nicht so. Liegt es daran, dass der echte Hype noch gar nicht ausgebrochen ist? Oder wurde der hiesige Markt schon 2017 abgegrast, und es folgen nun nur noch einige Nachzügler?

2. Habt ihr mit Krypto Geld verdient?

Die Frage, ob ihr mit Krypto Geld verdient habt, ist etwas merkwürdig. Natürlich habt ihr! Schaut man sich den Kursverlauf an, ist es schwierig vorstellbar, dass ihr keine Gewinne gemacht habt. Es gab nur wenige Gelegenheiten, Bitcoins zu kaufen und nun mit Verlust dazustehen. Danach muss man wirklich mit der Lupe suchen, einige Tage, Wochen vielleicht.

Dementsprechend bin ich vom Ergebnis eher etwas enttäuscht:

Nur 82 Prozent von euch haben Geld mit Krypt verdient. 18 Prozent haben das nicht, was vermutlich bedeutet, dass sie Geld verloren haben. Wie war das möglich? Habt ihr bei 40.000 oder 50.000 Euro zugegriffen? Oder habt ihr private Schlüssel verloren, in Shitcoins investiert, Bitcoins in Scams verpulvert?

3. Wie viele Kryptowährungen besitzt ihr?

Eine meiner Standard- und Lieblingsfragen ist, wie viele Kryptowährungen ihr haltet.

Wie sich zeigt, haben viele 4-10 Kryptowährungen, insgesamt 46 Prozent. Weitere 20 haben sogar mehr als 10 Kryptowährungen, wohingegen 12 Prozent sich auf eine einzige Währung fokusieren – ich nehme an, das ist Bitcoin. Es könnte aber auch Ethereum oder, so wie ich euch kenne, IOTA sein. Jeweils 11 bzw. 12 Prozent haben zwei oder drei Coins.

Im Vergleich zu früheren Umfragen hat sich nicht viel geändert. Tendenziell habt ihr Anfang 2020 und im Mai 2019 häufiger mehr als 10 Coins gehalten, aber die Anzahl von 4-10 Coins scheint sich festzusetzen, wie auch ein kleiner, aber steter Teil von Monocoinern.

4. Wird Bitcoin 2021 ein weiteres Allzeithoch erreichen?

Diese Frage ist ein Instrument, um die Stimmung zu ertasten. Wie optimistisch seid ihr? Wie es aussieht, sehr. Aber seht selbst:

74 Prozent von euch erwarten, dass Bitcoin 2021 ein neues Allzeithoch erreichen wird. Daher sind nur 26 Prozent von euch der Meinung, dass wir bereits in einem für Bitcoin so typischen Bärenmarkt angekommen sind, über den ich schon im Mai spekuliert habe.

Hoffen wir, dass ihr recht habt.

5. Ab welchem Kurs würdet ihr Bitcoins verkaufen?

Diese Frage dient ebenfalls dazu, die Marktstimmung zu erahnen. Welchen Preis müsste Bitcoin erreichen, damit ihr euch von euren digitalen Münzen trennt?

Falls ihr ehrlich antwortet, zeigen eure Aussagen auch, ab welchen Kursen wir Verkaufswellen zu erwarten haben – zumindest von eurer Seite. Und so, wie es aussieht, wird es ziemlich lange dauern, bis viele von euch Coins abwerfen.

Ein paar wenige wollen bei 31.000 Euro verkaufen – ich denke, das sind diejenigen, die sich bisher die Finger verbrannt haben und froh sind, mit heiler Haut rauszukommen – während 40.000 und 50.000 Euro für euch ziemlich uninteressante Schwellen sind.

Ab 75.000 Euro erwacht die Lust, Bitcoins auf den Markt zu werfen, wenn auch nur ganz leise. Erst bei 100.000 Euro wollen mehr verkaufen, 200.000 Euro sind schon wieder weniger interessant, und bei 500.000 Euro setzt die erste mächtige Verkaufswelle ein.

Doch ein sehr großer Teil von euch – 51 Prozent – haben Hände aus Stahl und wollen ihre Bitcoins niemals verkaufen.

Wie schon der Abschnitt zuvor macht das optimistisch! An euch wird der Bullenmarkt nicht stranden.

6. Was reizt euch an Kryptowährungen?

Mit der folgenden Frage bewegen wir uns weg von der Marktstimmung auf ein eher soziologisches Gefilde: Was macht Kryptowährungen für euch interessant?

Hierfür habe ich euch sechs Optionen vorgelegt und aufgefordert, diese nach ihrer Wichtigkeit zu sortieren.

Mit Abstand auf dem ersten Rang landete die monetäre Autonomie. Wenn ihr diesen Begriff ebenso versteht wie ich, reizt es euch, digitales Geld selbständig verwalten zu können: es ohne Mittelsmann zu empfangen, zu speichern und zu versenden. Monetäre Autonomie ist vielleicht DAS große Versprechen von Bitcoin. Entweder man versteht, warum es riesig ist, oder man versteht es nicht.

Auf dem zweiten Rang landete das Bezahlen ohne Mittelsmann. Dies ist, wie wir gleich sehen werden, merkwürdig. Kurz danach kommt der Wunsch nach einem harten Geld, gefolgt von der Freude daran, mit Technologien zu experimentieren. Mit etwas Abstand folgt dann die finanzielle Privatspäre, und relativ weit abgeschlagen die Lust am Handeln und Spekulieren.

An Kryptowährungen reizen euch also überwiegend ideele Werte – die Autonomie, die Eliminierung von Mittelsmänner, das stabile Geld. Erst danach kommt die Freude, an Technik und Spekulation, sowie der Wunsch nach Privatsphäre.

Mein Eindruck ist, dass in früheren Umfragen Privatsphäre und das Experimentieren mit Technologie einen höheren Stellenwert einnahmen. Gerade wenn man daran denkt, welche Wertigkeit Privatsphäre für viele Entwickler hat und wie gerne Bitcoiner mit Nodes und Lightning und Raspberry basteln. Kann es sein, dass sich in dieser Beziehung etwas verändert hat?

7. Wie ihr Kryptowährungen benutzt …

Was einen reizt, ist oft ein ideeles Gebilde. Solange man die freie Wahl hat, zu sagen, was man will, wird man das sagen, was man wollen will, anstatt das, was man wirklich will. Worte kosten schließlich nichts.

Nicht umsonst sind dagegen Taten. Daher habe ich gefragt, wie und wofür ihr Kryptowährungen benutzt. Dies ist für mich der Kern der Umfrage und wird zu einigen Überraschungen führen.

Der „Handel auf Börsen“ — also die für euch anscheinend so unwichtige Spekulation — bekommt die wenigsten „Niemals!“-Stimmen. Nur fünf Prozent von euch handeln niemals. Viele von euch handeln selten oder manchmal, und immer noch recht viele oft oder sehr oft (17 oder 13 Prozent). Habe ich euch da bei einem Widerspruch erwischt? Kann es sein, dass ihr euch wünscht, Krypto für sinnvolle, ideel wertvolle Dinge zu benutzen – aber in Wirklichkeit eben doch vor allem auf Börsen traded?

Immerhin lasst ihr bei der Sache mit der monetären Autonomie euren Wünschen Taten folgen: Sehr viele von euch – 87 Prozent – benutzen eine eigene Wallet, und viele darunter auch oft oder sehr oft. Die letzte Konsequenz, auch einen eigenen Full Node zu betreiben, gehen immerhin knapp 35 Prozent – was, alles in allem, doch ziemlich viel ist, wenn man bedenkt, dass 126 Full Nodes unter euch sind. Man könnte sagen, ihr seid eine Säule des Bitcoin-Netzwerks.

Doch den weiteren Schritten des „guten Bitcoiners“, nämlich Offchain-Netzwerke zu verwenden, verweigern sich die meisten von euch. 70 Prozent verwenden niemals Lightning, 91 Prozent niemals die Liquid-Sidechain.

Wesentlich beliebter als diese „Second-Layer“ bei Bitcoin sind unter euch andere Währungen wie Ethereum, das nur 25 Prozent niemals benutzen. Aber auch dort enthalten sich mit gut 63 Prozent die meisten von euch höheren Anwendungen wie etwa DeFi.

Kann es sein, dass ihr als Krypto-Nutzer doch nicht so innovationsfreudig seid, wie Kryptoblogger und andere Leute in der Szene sich gerne vorstellen? Wäre es möglich, dass Bitcoin bereits eine Killerapp an sich ist, und nicht noch Liquid, Lightning und DeFi braucht? Dass all der Schnickschnack eher eine Selbstbeschäftigung von Nerds und Programmierern ist?

Irgendwo im Mittelfeld zwischen Handel und Full Node auf der einen und DeFi, Liquid und Lightning auf der anderen Seite findet sich das Bezahlen und Bezahltwerden: Rund ein Drittel von euch hat noch niemals mit Kryptowährungen Geld empfangen oder bezahlt; ein weiteres Drittel macht dies nur selten. Als Zahlungsmittel scheinen sich Kryptowährungen auch bei euch noch nicht etabliert zu haben.

Womit wir wieder da wären, dass Wunsch und Wirklichkeit oft auseinanderklaffen: Euch reizt an Bitcoin, dass man ohne Mittelsmann bezahlen kann. Gebrauch davon macht ihr aber nur äußerst selten. Warum? Liegt es daran, dass es so wenig Gelegenheiten gibt – oder daran, dass der Euro im Alltag eben doch ganz passabel funktioniert?

8. Was macht euch glücklich und was ist euch wichtig?

An dieser Stelle verlassen wir die Krypto-Sparte und wenden uns allgemeineren Themen zu. Ich habe ja die fixe Vorstellung, dass es gewisse Charaktereigenschaften, Milieus, Vorlieben oder Weltanschauungen gibt, die die Kryptoszene auszeichnen. Aber es fällt mir schwer, diese genau zu definieren, und noch schwerer, sie zu beweisen.

Also habe ich ziemlich allgemein gehalten gefragt, was euch glücklich macht, und acht Antwortmöglichkeiten vorgegeben, die ihr sortieren konntet. Eure Antworten wirken auf mich leider so allgemeinplatzig wie die Frage – was aber nicht bedeutet, dass sie uninteressant sind:

Gesundheit macht euch am stärksten glücklich, Gott am wenigsten. Könnte man das so verstehen, dass Gesundheit die neue Religion ist? Yoga, Intervalfasten, Nordic Walking, Muckibuden, Low-Carb, Bio, Demeter, Superfoods – ich vermute, es gibt da einen Zusammenhang: Wenn eine Gesellschaft den Glauben an Gott verliert, verliert sie auch den Glauben ans Jenseits und an ein Leben nach dem Tod, was das Leben vor dem Tod umso wichtiger macht, zerbrechlicher, kostbarer und beschützenswerter.

Kann das sein? Wäre es denkbar, dass die realistischste künftige totalitäre Bedrohung eine Gesundheitsdiktatur ist? Und auf die Gefahr hin, etwas falsches oder quergedachtes von mir zu geben – spiegelt sich das in der Corona-Krise? Ist das die Falle, in die eine übermäßig aufgeklärte, materialistische Gesellschaft hineinrutschen kann?

Nun — zurück zur Umfrage: auf den Rängen zwei bis vier finden wir die sozialen Glücksgüter: Liebe, Familie und Freunde. Damit bestätigt ihr gleich dreifach, dass Glück vor allem die Summe der Beziehungen ist, die man im Leben führt.

Danach kommt die Natur, und erst dann, mit weitem Abstand, das Geld. Das erscheint mir etwas seltsam, da dies ein Blog über virtuelles Geld ist, und ich weiß, dass Kryptowährungen bei vielen von euch auch Leidenschaft erregen. Wenn schon euch Geld so wenig glücklich macht – wie ist es dann bei anderen Menschen? Kann man das überhaupt noch Kapitalismus nennen?

Oder sind „Geld“ und „Geld“ zwei verschiedene Dinge? Auf der einen Seite die bloße, kalte und tote Zahl, die einem anzeigt, über wie viel Kaufkraft man verfügt, für einen postmaterialistischen, im Wohlstand lebenden und im Überfluss ertrinkenden Bundesbürger natürlich eine ziemlich nachrangige Nummer ist. Und auf der anderen Seite Geld als idealistische Sache, wie Bitcoin: Eine faszinierende, epochenmachende Technologie, die die Systemfrage stellt, und bei der es weniger um persönlichen Wohlstand geht als um eine positive Änderung der Welt?

Das sind ziemlich viele Fragen. Ich hoffe, in der nächsten Frage ein Stückchen Klarheit zu finden. Denn ich habe der Frage nach dem Glück eine nach der Wichtigkeit folgen lassen, die beinah dieselben Antwortoptionen hatte. Die Absicht war, eure Aussagen doppelt zu prüfen, und auf dem Weg dorthin mehr über die Unterschiede zwischen Glück und Wichtigkeit zu erfahren.

Bei der Gesundheit bleibt ihr euch treu – diese ist weiterhin auf dem vordersten Rang, diesmal sogar mit mehr Abstand. Das deutet für mich darauf hin, dass es sozial anerkannt ist, dem Gesundheitsfetischismus zu frönen.

Darauf folgt die Familie, die etwas aufsteigt, während die Liebe, die euch eben noch sehr glücklich machte, abrutscht und sogar hinter der Freiheit landet. Wenn ich das richtig verstehe, würdet ihr also eure Partnerin verlassen, obwohl ihr sie liebt, wenn ihr damit Freiheit gewinnt, selbst dann, wenn euch das unglücklicher macht?

Interessant ist auch, dass der Glaube diesmal vor dem Geld steht. Geld mag euch zwar etwas glücklich machen, doch wichtig wird es dadurch nicht; andersherum ist Gott bzw. der Glaube an etwas höheres oder sprituelles für euch wichtiger als glückserfüllend. Glück ist nicht alles? Oder kommt das nur daher, dass Glaube eine breitere Kategorie als Gott ist?

Insgesamt erscheinen mir eure Antworten aber alles andere als Krypto- oder Bitcoin-spezifisch. Vielleicht die Sache mit der Freiheit, die typisch für die Szene ist; vielleicht die geringe Bedeutung des Glaubens, die auch typisch für ein technisch-orientiertes Milieu ist; vielleicht der starke Fokus auf Gesundheit, der ebenfalls typisch für das Milieu der reichen Techies zu sein scheint, etwa wenn der Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin 336 Millionen Dollar an eine Stiftung für Langlebigkeits-Forschung spendet.

9. Freiheit, Sicherheit und Geld

Wir bleiben beim thematischen Fokus. In den drei folgenden Fragen habe ich abgeklopft, wie wichtig euch Freiheit, Sicherheit und Geld sind. Alle drei „Dinge“ haben für euch einen Wert.

Aber Freiheit hat mit Abstand den höchsten. Ich denke, wenn 372 Personen auf einer Skala von 1-10 im Durchschnitt bei mehr als neun landen, ist das ziemlich viel. Es wäre extrem interessant, herauszufinden, wie Menschen außerhalb der Krypto-Szene auf diese Frage antworten.

Auch Sicherheit ist für euch wichtig. Allerdings „nur“ mit einem Durchschnitt von 7,17, was noch viel ist, aber sehr viel weniger als bei der Freiheit. Da in Kryptowährungen Kryptographie steckt, und es dabei um ComputerSICHERHEIT geht, und da die von euch so hochgeschätzte Gesundheit an sich die SICHERHEIT der körperlichen Konsistenz ist, hätte man vielleicht mehr erwarten können.

Die geringste Bedeutung hat allerdings erneut das Geld. Mit einem Durchschnitt von 6,61 nähert es sich schon der Grenze des „tendenziell Unbedeutenden“ bei 5, ist aber nicht so weit von der Sicherheit weg. Da ihr kurz zuvor Geld zum unwichtigsten der zur Auswahl stehenden Güter erwählt habt, ist diese geringe Distanz etwas erstaunlich.

Aber ich habe auch diesen Fragekomplex mehrfach abgesichert. Bisher konntet ihr ja kostenlos sagen, wie wichtig euch etwas ist; nichts sprach dagegen, sich überall zu bedienen, Freiheit, Sicherheit und Geld, warum nicht alles? Mit den folgenden Fragen habe ich versucht, die Kosten etwas zu erhöhen und euch dazu zu bringen, Sicherheit und Freiheit gegeneinander abzuwägen.

Auf der einen Seite findet ihr sehr eindetuig, dass die Bürokratie unsere Gesellschaft erstickt, und dass wir, allgemeiner gesprochen, mehr Freiheit benötigt. Der Status Quo ist also alles andere als ok.

Danach habe ich gefragt, ob ihr meint, man sollte in unserer Situation mehr Sicherheit und Ordnung schaffen, auch wenn es auf Kosten von Freiheit geht. Letzten Endes ist es ja genau das, was seit gut einem Jahr passiert. Diese Frage zwang euch, euch zwischen Sicherheit und Freiheit zu entscheiden, und die Entscheidung war eindeutig – für die Freiheit.

10. Politik, Wirtschaft und Vertrauens

Zugegeben bin ich mit den Fragen nach Glück, Wichtigkeit, Freiheit und Sicherheit eher auf Allgemeinplätzen geritten. Mit den folgenden zwei Fragen habe ich nun versucht, etwas stärker theoriegestützt vorzugehen: Ich vermute nämlich, dass viele in der Bitcoin-Szene zum Liberalismus tendieren. Und ein typisches Symptom eines Liberalen ist, dass er Politikern sehr viel stärker misstraut als Wirtschaftsakteuren.

Also habe ich gefragt, inwieweit ihr der Meinung seid, dass unsere Politiker versagen. Angesichts der vielen Skandale und Skandälchen der letzten Monate, angesichts der starken Spaltung der Gesellschaft, die Corona hervorgebracht hat, und angesichts der vermuteten liberalen bis libertären Haltung bei euch hätte ich vermutet, hier ein starkes „Ja“ zu erhalten.

Das „Ja“ ist da, es fällt auch relativ stark aus – aber längst nicht so stark wie erwartet. Euer Misstrauen in die Politik ist gemäßigt, vielleicht gesund, in keinem Fall aber paranoid bis radikal.

Wenn unter euch, wie ich es vermutete, der Liberalismus so stark ist, müssten die Wirtschaftseliten besser abschneiden, oder? Doch auf meine Frage, ob ihr zustimmt, dass die Wirtschaftseliten versagen, habt ihr relativ ähnlich geantwortet. Die Zustimmung fällt ein Stückchen schwächer aus, aber nicht so deutlich wie man hätte denken können. So ist also eine Neigung zum Liberalismus zu erkennen, aber diese ist keineswegs extrem.

Da wir nun schon beim Vertrauen sind, habe ich dieses Thema noch einmal explizit abgeklopft: Wem vertraut ihr?

Hier zeigt sich, dass die Mehrheit von euch Vertrauen aus persönlichen Bindungen – der Familie und Freunden – sowie der Wissenschaft – einschließlich Mathematik – schöpft.

Auch Bitcoin, der Markt und die Open-Source-Entwickler genießen ein Stück weit euer Vertrauen, sind aber vergleichsweise weit abgeschlagen. Wenn man aber bedenkt, dass Bitcoin, als Geld, nichts so sehr benötigt wie Vertrauen, wenn man ferner bedenkt, dass Bitcoin in gewisser Weise auch eine Wette auf die Integrität der Open-Source-Community und die unsichtbare Hand des Marktes ist – und wenn man schließlich bedenkt, dass nicht mal ihr, als Early Adopter und Insider, hierfür viel Vertrauen aufbringen: dann fragt man sich schon, ob das mit der Währungsrevolution jemals etwas werden kann.

Aber immer noch besser als die Medien. Dem Fernsehen vertraut, wenig überraschend, kein Mensch; die Zeitung schlägt sich etwas besser, aber immer noch ziemlich mies. Auch auf die Politik reagiert ihr mit einem Misstrauen, das, so scheint es mir, hier stärker durchdrückt als bei der Frage vorhin.

Kann man aus all dem etwas interpretieren? Ich würde sagen, ja. Euer Vertrauen in die üblichen Institutionen der demokratischen Willensbildung – Politiker und Medien – ist gründlich erodiert. Allerdings vertraut ihr den wirtschaftlichen Eliten kaum mehr als den Politikern, und dem Markt nicht so viel mehr als den Medien. Allein die Wissenschaft und enge soziale Bindungen, in der Familie und unter Freunden, schaffen bei euch Vertrauen.

Könnte man das als eine Tendenz dazu verstehen, einer öffentlichen Diskussion den Rücken zuzukehren, solange es nicht um wissenschaftliche Fakten geht, und sich stattdessen ins Private zurückzuziehen? Ins Private, wo ihr euch um eure Gesundheit kümmert, euch an sozialen Kontakten erfreut, und weder Geld noch Gott noch Kultur besonders viel Aufmerksamkeit schenkt?

Oder interpretiere ich da zuviel hinein?

Ich freue mich auf Antworten und Kommentare von euch. Und für morgen verspreche ich eine weitere, feinkörnigere Auswertung der Umfrage, da ich die Ergebnisse diesmal nämlich filtern kann. Wir weden sehen, wie sich die verschiedenen Bitcoin-Generationen unterscheiden und was Maximalisten und Vielcoiner verbindet und trennt. Ich freue mich schon drauf.

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