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NSA-Leaks: Bitcoin ist „ein Experiment, das niemals hätte geschehen dürfen.“

Neue Enthüllungen bestätigen die gelegentlich geäußerte Vermutung, dass der berüchtigte US-Computer-Geheimdienst NSA Bitcoin erfunden hat. Die Rekonstruktion der Leaks offenbart überraschende Gründe – und eine Behörde, die die Kontrolle über ihre eigene Schöpfung verloren hat.

April O’Shiggens ist auf dem Weg, der neue Edward Snowden zu werden. Die Harvard-Absolventin hat rund 15 Jahre als Psychologin für die geistige Gesundheit der Computer-Agenten des berüchtigten US-Geheimdienstes NSA gesorgt. Letzte Woche ist sie nun aus den USA geflohen, nachdem sie mehrere Terabyte an Daten mit Journalisten geteilt hat. Unter anderem haben die New York Times, die BBC und die Augsburger Allgemeine Einblick in die brisanten Informationen erhalten.

Die Datenleaks zeigen, was viele schon vermutet haben: Bitcoin ist eine Erfindung der NSA. Überraschender dürfte aber sein, welche Motive den Anstoß zur Entwicklung der Kryptowährung gegeben haben. Diese gehen aus einer E-Mail-Korrespondenz zwischen einem ranghohen NSA-Offizier und dem Vorsitzenden einer Städtevereinigung des sogenannten „Rust Belts“ hervor, einer Zone von mittlerweile weitgehend deindustrialisierten Städten im Nordwesten der USA. Die Korrespondenz beginnt Anfang der 2000er Jahre damit, dass der Vorsitzende der Städtevereinigung eine Frage zu Wei Dais b-money stellt. Er hat wohl die Idee, durch eine „durch Computerleistung geprägte digitale Währung“ den Rust Belt zu reindustrialisieren, indem der in Fülle vorhandene, aber kaum genutzte Strom der Region für das Mining genutzt wird. Der Offizier ist entzückt über den Vorschlag seines ehemaligen Verbindungsfreundes – „ich denke, das ist eine geradezu brillante Idee“ – und meint, er werde „einen Weg finden, dies mit dem Hinweis auf die nationale Sicherheit zu rechtfertigen.“

Tatsächlich enthalten die Leaks mehrere interne, streng geheime Analysen, die die angebliche Motivation der Behörde für die Schaffung einer Kryptowährung erklären. „Unter anderem sprechen Erwägungen der finanziellen Unterstützung des Netzes von Auslandsagenten anderer Geheimdienste ebenso für ein P2P-E-Cash-System wie die damit verbundene Möglichkeit, Daten sicher und diskret zu übertragen.“ Ein Sitzungsprotokoll schlägt die Datenübertragung per Blockchain sogar als Ersatz für das Anonymisierungs-Netzwerk TOR vor, das für die NSA derzeit noch ein notwendiges Werkzeug ist, dessen „Missbrauch“ man sich aber gerne entledigen würde.

Ein als Tonbandaufnahme enthaltenes Gesprächsprotokoll offenbart zudem den Kontakt mit einem unbekannten Mitarbeiter der US-Zentralbank FED. Dieser wurde wohl herangezogen, um die geldpolitischen Koordinaten des „Leviathan“ getauften Projekts festzuziehen. Dabei spricht er seine Sorge aus, dass die expansive Geldpolitik seiner Institution eine „schwer zu kontrollierende Belastung für die monetäre Zukunft unseres Landes“ darstellen kann. Das Gespräch zeigt, wie der Plan entsteht, die Geldmenge durch einen Algorithmus zu kontrollieren, um den Dollar von politischen Einflüssen zu befreien. Sehr schwer verständlich sind leider Abschnitte, in denen der FED-Mitarbeiter darauf hindeutet, durch entsprechende finanzpolitische Entscheidungen den Dollar zu schwächen, um Bitcoin zu befördern. Man könnte vor diesem Hintergrund darüber spekulieren, ob nicht Bitcoin eine Reaktion auf die Finanzkrise ab 2007 war, sondern vielmehr die Finanzkrise eine Reaktion auf Bitcoin.

Nach einigen Jahren der Planung wurde schließlich ab Ende 2006 ein Team unter Leitung des Mathematikers Matthew Goldsmith beauftragt, Bitcoin zu entwickeln. Über diesen Mathematiker scheint April O’Shiggens auf das Projekt „Leviathan“ aufmerksam geworden zu sein. Ein Protokoll der psychologischen Betreuung von Goldsmith zwischen 2011 und 2015 zeigt, wie sich dessen Geisteszustand fortlaufend verschlechtert: „Der Patient leidet unter einer zunehmenden Paranoia und Hybris, die im Begriff steht, pathologische Züge anzunehmen“, notiert die Psychologin bereits Anfang 2012. Zwei Jahre später schreibt sie: „Ungeachtet der medikamentösen Behandlung wächst die Psychose des Patienten fortlaufend. Weder eine Erhöhung der Dosis noch psychoanalytische sowie verhaltenstherapeutische Verfahren zeigen Erfolge.“ Mitte 2015 scheint die Therapie endlich anzuschlagen. Kurz darauf wird O’Shiggens jedoch durch einen ranghohen NSA-Offizier gezwungen, den Mathematiker einweisen zu lassen.

Die Psychologin hat offenbar seit 2015 begonnen, zum Projekt des Mathematikers zu recherchieren. Dabei stieß sie auf eine Fülle von Unterlagen, Protokollen und Dateien. Ein erhellender Teil davon ist eine interne Untersuchung, die aus 430 Seiten sowie einem Anhang von rund fünfhundert Dateien besteht. An ihrem Ende stand offenbar die unehrenhafte Entlassung des oben erwähnten Offiziers sowie einer Reihe anderer Mitarbeiter. Der Bericht beschreibt das Projekt Leviathan abschließend als „ein Experiment, das niemals hätte geschehen dürfen.“ Zwar seien während der ersten Jahren noch einige „Milestones“ erreicht wurden, doch im Laufe der Zeit sei das Projekt „außer Kontrolle“ geraten.

Es gibt Hinweise, dass Matthew Goldsmith Ende 2014 unter einem Pseudonym eine Backdoor in Bitcoin entfernt hat. Interne Ermittlungen in der FED führten zu einem zunehmenden Druck auf die NSA, während China den Städten des Rust Belts die Vorherrschaft über das Mining abläuft und der durch Bitcoin und andere Kryptowährungen betriebene Darkweb-Kommerz eine Breite erreicht hat, die die Projektmitarbeiter der NSA nicht erwartet hätten. Zu allem Unglück verstrickten sich mehrere NSA-Mitarbeiter offenbar in Insider-Spekulation, wodurch die Behörde im Zuge des Mt.Gox-Hacks mehr als 100 Millionen Dollar verlor.

All dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Die von April O’Shiggins enthüllten Daten umfassen mehrere Terabyte. Ihre Auswertung wird noch mehrere Monate in Anspruch nehmen. Die ehemalige NSA-Mitarbeiterin ist derweil an einen unbekannten Ort geflohen. Einige Länder, darunter Österreich, Nordkorea und Venezuela, haben ihr bereits Asyl angeboten.

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