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„Kein Kampf gegen Drogen, sondern gegen Anonymität“

Das FBI, Europol und fast zwei Dutzend weiterer Behörden weltweit verkünden einen Erfolg gegen die Darknet-Drogenmärkte, der zu hunderten von Verhaftungen und der Beschlagnahmung von Drogen und Geld geführt hat. Bei näherer Betrachtung sind die Früchte dieser monatelang geplanten Großaktion aber so mager, dass ein Szenebeobachter zu Recht fragt, ob es sich hier um einen Krieg gegen Drogen oder einen Krieg gegen Anonymität handelt.

Im Grunde sollte mittlerweile bekannt sein, dass die Darknet-Marktplätze für Drogen im globalen Drogenhandel eher eine unbedeutende Nummer sind. Das gehandelte Volumen stagniert oder wächst langsam und ist weiterhin bestenfalls eine Rundung im gesamten Markt. Ebenfalls bekannt dürfte sein, dass das Darknet und Kryptowährungen keinen Schutz vor Strafverfolgung bieten, weder für Händler noch für Käufer, und dass die Polizei in der Lage ist, Darknetmarktplätze hochzunehmen. Man könnte das Thema also als das behandeln, was es ist – ein absoluter Nebenschauplatz im Kampf gegen die Drogenkartelle.

Aber offenbar sehen die Strafverfolger das anders. Ansonsten wäre die Meldung zur DisrupTor-Aktion kaum verständlich. Die folgenden Behörden haben kooperiert, um gegen den Drogenhandel im Darknet vorzugehen: In den USA allein das Justizministerium, das FBI, die Drogenpolizei DEA, die Post, der Zoll, die Homeland Security, der Grenzschutz, die Finanzaufsicht (FinCEN), das Büro für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF), das Amt für nautische Kriminalverfolgung sowie das Verteidigungsministerium. Mit beteiligt waren zudem Europol, Eurojust, die Bundeskriminalämter von Österreich und Deutschland, die Polizei von Zypern, die königlich-berittene Polizei Kanadas, die Polizei von Portugal, Schweden, Großbritannien und der Niederlande sowie zwei Polizeiorganisationen Australiens.

Begonnen hatten die Ermittlungen im Mai 2019. Nun, nach gut 16 Monaten, präsentiert das Justizministerium der USA im Namen der 22 beteiligten Behörden die Ergebnisse der Aktion. Man sollte angesichts der starken Beteiligung und der langen Dauer erwarten, dass den Behörden ein ganz großer Fisch ins Netz ging: Ein Betrüger wie Charles Ponzi, ein Drogenboss wie Pablo Escobar, ein Terrorführer wie Osama bin Laden, oder wenigstens ein Darknet-Königskegel wie Ross Ulbricht.

Eher magere Beute

Tatsächlich aber handelt es sich eher um eine Verhaftungswelle unter Kleindealern und ihrer Kunden; die beschlagnahmten Gelder sind im täglichen Kryptohandel kaum eine Erwähnung wert und würden, wenn es sich um eine ICO oder ein Pyramidenspiel handeln würde, keinerlei Aufmerksamkeit erwecken. Die internationale Polizei hat eine gewaltige Mannschaft vor einen Hochofen gestellt, um ziemlich kleine Brötchen zu backen:

„Operartion DisrupTor resultierte in der Verhaftung von 179 Drogenhändlern und betrügerischen Kriminellen, die den Verkauf von tausenden von illegalen Gütern und Dienstleistungen in Europa und den USA betrieben haben. Die Operation führte zur Beschlagnahmung von mehr als 6,5 Millionen Dollar (!!!!) in Bargeld und virtuellen Währungen; circa 500 Kilogramm Drogen weltweit, darunter 274 Kilogramm in den USA, unter anderem Fentanyl, Oxycodone, Hydrocodone, Methamphetamin, Heroin, Kokain, Ecstacy und MDMA; sowie 63 Feuerwaffen.“

Das hört sich – vielleicht – viel an, ist aber, bei Licht betrachtet, eher mager. Bei den Drogen ist natürlich die Frage, wie die einzelnen Drogen konkret gewichtet sind. 200 Kilogramm Heroin oder Fentanyl wäre vermutlich ziemlich viel, während 270 Kilogramm Cannabis und 4 Kilogramm der erwähnten Drogen ziemlich harmlos wäre. Soweit mir Statistiken bekannt sind, ist Cannabis das auf den Darknet-Märkten mit Abstand am meisten gehandelte Gut. Die geringe Menge beschlagnahmter Gelder spricht dafür, dass die Operation DisrupTor hier keine Augen zugedrückt hat.

Es geht nicht um die Drogen, sondern ums Signal

Die Disbalance zwischen Aufwand und Ertrag ist so gewaltig, dass es Fragen aufwirft. DarkdotFail, ein Beobachter der Szene, tweetet daher: „Die Kosten, um 179 Menschen zu überführen, zu verhaften und zu verurteilen. 6,5 Millionen Dollar wurden beschlagnahmt, es ist sehr unwahrscheinlich, dass das die Kosten deckt. Das ist kein Krieg gegen Drogen, sondern ein Krieg gegen Anonymität.“ Die Regierungen, so die Vermutung, bekämpfen den Drogenhandel im Darknet nicht, um Drogenhandel zu verhindern – sondern um ein Zeichen dafür zu setzen, dass es keine Anonymität im Netz gibt. Es geht nicht um die tatsächlichen Verbrechen – sondern um die, die es vielleicht einmal geben wird. Sie müssen im Keim erstickt werden.

Einige Aussagen der beteiligten US-Behörden bekräftigen diese Vermutung: „Kriminelle, die Fentanyl im Darknet verkaufen, sollten aufmerksam sein,“ so Generalstaatsanwalt Jeffrey Rosen. „Das FBI versichert der amerikanischen Öffentlichkeit, und der gesamten Welt, dass wir Darknet-Dealer identifizieren und vor Gericht bringen,“ erklärt FBI-Direktor Christopher Wray. Ähnlich auch DEA-Administrator Timothy J. Shea: „Das 21. Jahrhundert führte zu einer Welle von technologischen Vorteilen, die unser Leben verändert haben. Aber mit der Technologie entwickeln sich auch die Taktiken von Drogendealern … Operation DisrupTor demonstriert unsere Fähigkeit, Kriminelle in dieser Domäne auszustechen …“. Auch Europol sieht in der Operation ein starkes Signal: „Die heutige Ankündigung ist eine klare Botschaft an Kriminelle, die im Darkweb Drogen kaufen oder verkaufen: Das verborgene Internet ist nicht länger verborgen, und deine anonyme Aktivität ist nicht länger anonym“, so Edvardas Sileris von Europols Center für Cybercrime.

Es geht also darum, eine starke Botschaft zu senden. Wie schon bei all den vorhergegangenen Operationen gegen das Darknet. Falls es noch jemanden gibt, der es nicht mitbekommen hat – das Darknet ist nicht anonym.

Warum aber sind die Behörden bereit, so viel Mühe und Arbeit aufzuwenden, um ein weiteres Signal zu senden? Warum ist für sie die PR-Arbeit gegen die Anonymität so wichtig? Wäre es nicht viel schlauer, die mangelnde Anonymität im Darknet geheim zu halten, um noch mehr Drogendealer ins Netz zu locken? Haben die Kriminalbehörden nichts von der kryptographischen Kriegsführung gelernt, bei der die Allierten sogar Kriegsschiffe geopfert haben, um die Achsenmächte darüber im Dunklen zu lassen, dass ihre Codes geknackt wurden? Oder zeigt dies, dass die Strafverfolger nicht so selbstsicher sind, wie sie sich geben? Womöglich weil das Darknet eben doch anonym ist, und weil ein richtig gemachter Darknetmarket Ermittlungen pauschal verhindert?

Der Schweinezyklus

Eine andere mögliche, und trivialere, Erklärung der extremen Asymmetrie zwischen Aufwand und Ertrag könnte der sogenannte Schweinezyklus sein: Immer dann, wenn es einen Mangel an Problemlösern gibt, lassen sich viele Menschen dazu ausbilden, das entsprechende Problem zu lösen, weshalb es etwas später einen Überschuss an Problemlösern gibt. Sämtliche der genannten Behörden haben in den letzten 5-8 Jahren extrem viele Ressourcen aufgewendet, um ihre Mitarbeiter fit für Krypto und das Darknet zu machen; sie haben Schulungen veranstaltet, sich Berater gekauft und in Software der vielen Anbieter für Blockchain-Analysen investiert.

Nun muss dieses Investment natürlich für etwas gut sein. Aber das Darknet und der Drogenmarkt dort ist nicht in dem Umfang gewachsen, wie man es erwartet hatte. Das Geld wäre vermutlich besser investiert gewesen, um gegen den Handel auf der Straße oder den Schmuggel durch Kartelle vorzugehen. Aber das will natürlich niemand zugeben. Daher kooperieren die Behörden global nur noch umso enger, um stolz die kleinen Fische zu präsentieren, die sie aus einem schon zum Teil überfischten Darknet herausziehen können. Was sollen sie auch anders machen, nachdem die Cybercrime-Behörden schon aufgestellt, geschult und gegen die Märkte eingeschossen sind?

Wie dem auch sei: Die Meldung zeigt mehr als alles andere, dass nicht nur der Drogenhandel im Darknet stagniert – sondern auch die Ermittlungserfolge gegen diesen. Beides, die Kriminalität wie auch die Strafverfolgung, scheint im Darknet an eine Wachstumsgrenze gestoßen zu sein.

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