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Ethereum im Griff der Pyramidenspiele

Vier der Top-6-Dapps bei Ethereum sind entweder ein Pyramidenspiel oder fallen ins Netzwerkmarketing. Ist das eine Überraschung – oder war es klar, dass es so kommen muss, weil Menschen eben Menschen sind? Und ist das ein unvermeidbarer Preis dafür, auf Ethereum mit den DeFi-DApps ein neues, freies und demokratisches Finanzsystem großzuziehen?

Eigentlich war ja alles gut gemeint. Ethereum, die Blockchain für Smart Contracts, sollte für das Gute verwendet werden. Für eine Demokratisierung des Finanzwesens und seine Befreiung von zentralen Machthabern. Sogenannte Smart Contracts laufen auf der Blockchain, unzensierbar und unaufhaltbar, so dass kein Diktator der Welt die automatisierten Transaktionen abschalten kann, und dass jedermann zum eigenen Herrn seiner Finanzen wird, anstatt einer Bank vertrauen zu müssen.

So wie es aussieht, kam es aber auch anders. Anstatt den Menschen zu helfen, sich zu empanzipieren und Abhängigkeiten abzuschütteln, wurde Ethereum zum neuen Host der Pyramidenspiele. Nachdem schon der ICO-Hype zwischen 2016 und 2018 ein goldener Spielplatz von Betrügern war, bahnt sich nun der nächste unschöne Trend an: unaufhaltbare und unzensierbare Pyramidenspiele, Ponzi-Systeme und MLM-Strukturen.

Die ETH Gasstation listet die 25 Adressen bzw. Smart Contracts, die am meisten „Gas“ verbrauchen. Gas sind die Gebühren bei Ethereum. Wer viel Gas bezahlt, finanziert die Miner und belegt Kapazitäten auf der Blockchain. Schaut man sich nun diese Liste an, bekommt man ein eher mulmiges Gefühl. Anstelle der guten Zwecke, für die Ethereum vielleicht geplant war, tummeln sich in den Top-Adressen die Pyramidenspiele.

Eine Liste des Grauens

An erster Stelle stehen die Tether-Token. Die sind zwar notorisch berüchtigt, sind unter den Top-Contracts bei Ethereum aber eine ob ihrer Seriösität leuchtende Ausnahme. An ihnen haben die Miner während der letzten 30 Tage 1,67 Millionen Dollar an Gebühren verdient.

Ihnen folgt das MMM-Pyramidenspiel. Ja, richtig gehört: MMM.

Leser unseres Blogs erinnern sich vielleicht noch an den Herbst 2015. Zu dieser Zeit begann der Bitcoin-Kurs nach einem langen Bärenmarkt wieder sacht zu steigen, und Gerüchte machten die Runde, dass dies am Pyramidenspiel des „russischen Bernie Madoffs“ Sergey Mavrodi lag. Der Mathematiker startete das System in den 90er Jahren, wurde damit schweinereich, heiratete eine Schönheitskönigin, führte Russland beinah in den Staatsbankrott und wanderte in den Knast. Kaum war er wieder in Freiheit, begann er von neuem. Weil die russische Neuauflage aber schon 2012 kurz vor dem Zusammenbruch stand, startete er MMM Global, womit er auf die ganze Welt abzielte, vor allem auf Entwicklungsländer. Den Teilnehmern versprach er eine Rendite von 20-100 Prozent im Monat für die sogenannten „Mavros“, die man ab 2015 mit Bitcoin kaufen konnte.

MMM scheint so zählebig zu sein wie eine Zecke. Eine Inkarnation nach der anderen kollabiert; Sergej Mavrodi ist im März 2018 gestorben. Doch MMM lebt fort. Im vergangenen Jahr ist das Pyramidenspiel auf Ethereum unter dem Motto „MMM Global Blockchain 2019“ neu gestartet. Es benutzt dabei das PAX-Dollar-Token und verspricht einen Profit von 30 Prozent im Monat; BehindMLM nimmt an, dass die meisten Teilnehmer aus Indien sind. Der Youtube-Kanal zeigt einige Tutorials, wie man mit Ethereum-Wallets arbeitet. Auf Twitter und Facebook scheinen die Gruppen tot zu sein, auch die Webseite ist längst down (hier ein Snapshot von Mitte 2019).

Dennoch ist MMM der zweitaktivste Smart Contract von Ethereum und verschaffte den Minern in den letzten 30 Tagen Gebühren von rund 600.000 Dollar. Man mag es nicht glauben.

… und noch mehr MLM-Pyramiden

Der drittgrößte Smart Contract ist SmartWay Forsage. Laut DApp-Review ist es „das erste vollständig dezentrale Matrix Marketing Projekt“ aus der Familie des russischen Netzwerks smartway.run. Die Webseite von Smartway (im Original russisch, hier bei Google Translate) beschreibt es als typisches Netzwerk- bzw. Multi-Level-Marketing-System, mit Partnern und Ebenen und so weiter.

Forsage verspricht den Teilnehmern, dass sie aus 0,2 Ether 48 Ether machen können. Als Hilfeleistung stellt sie ihnen  Werbematerialien, Videos und Tutorials zur Verfügung. Ein Artikel auf BehindMLM.com berichtet über Forsage. Das einzige Produkt, für das die Mitglieder von Forsage Werbung machen können, sei es, bei Forsage mitzumachen, um ebenfalls Werbung dafür zu machen, Mitglied bei Forsage zu werden. Und so weiter. Wir kennen das: Ein Vertriebssystem ohne Produkt. Die größten Märkte des Programms seien die USA, Indien und Venezuela, während die Administratoren aus Russland kämen. Laut Forsage-Webseite gibt es bereits mehr als 140.000 Teilnehmer, allein 4199 seien in den letzten 24 Stunden hinzugekommen; insgesam seien beinah 100.000 Ether umgesetzt worden. Den Minern brachte Forsage in den letzten 30 Tagen Gebühreneinnahmen von etwa 225.000 Dollar ein.

Vom viertaktivsten Smart Contract ist lediglich eine Adresse bekannt: 0x5f43578eC5a2aEb661B15bB2fB9d71154Bae84F2. Informationen, was er macht, habe ich nicht gefunden. Die Adresse hält eine geringe Anzahl der ESCH-Token, die für das Voting in Ubiqs District0x-Protokoll eingesetzt werden; der Erschaffer der Adresse hat sehr große Bestände der ESCH-Token, weshalb man annehmen darf, dass es hier einen starken Zusammenhang gibt. All dies deutet darauf hin, dass es sich um kein Pyramidenspiel handelt, sondern um einen Teil des Ubiq-Netzwerks, das eine mit Ethereum konkurrierende Blockchain für Smart Contracts aufbaut – auch wenn die genauen Zusammenhänge rätselhaft sind. Fakt ist hingegen, dass die Adresse in den letzten 30 Tagen Gas im Wert von 181.000 Dollar verbraucht hat.

Die Nummer fünf in der Liste der stärksten Gasverbraucher ist Million Money 2.0. BehindMLM schreibt über den Vorgänger, Million Money: Es gebe „weder ein Produkt noch eine Dienstleistung, das oder die vertrieben werden kann. Die Teilnehmer können ausschließlich die Mitgliedschaft bei Million Money selbst verkaufen.“ Das kennen wir ja schon. Passenderweise steht Million Money laut einem Blogpost in Zusammenhang mit Smartway.run. Der Autor stellt es als unoriginelles MLM-System dar, das aber „auf Steroiden“ ist, weil es in einem unzensierbaren und unaufhaltsamen Smart Contract lebt. An Gasausgaben verdienten die Miner am Pyramidenspiel in den letzten 30 Tagen etwa 156.000 Dollar.

Nun zur Nummer sechs in dieser traurigen Liste. Das ist Easy Club. Die Facebook-Gruppe von Easy Club weist darauf hin, dass es vor allem in Ostasien, etwa Japan und Malaysia, verbreitet ist. Dapp.review beschreibt es als „ein Open Source Blockchain Spiel“; ein Blogpost von Mitte 2019 titelt, durch Easy Club könne man zum Multimillionär werden. Man muss 1 Ether investieren und erhält zunächst 1 Prozent Zins am Tag. Die Einnahmen lassen sich noch steigern, wenn man weitere Mitglieder anwirbt. Das klingt schon sehr nach dem typischen MLM-Spiel, bei dem Einnahmen nur generiert werden, indem man andere Leute dazu bringt, ebenfalls einzuzahlen. Die Macher versuchen sich auf ihrer Webseite – die lediglich Statistiken zeigt – damit herauszureden, dass es nur ein Spiel ist und man nur 1 Ether investieren solle. Ob das hilft? Mit Gebühreneinnahmen von 144.000 Dollar verdienen zumindest die Miner gut an dem Spiel.

Seriöse Smart Contracts

Ab Rang sieben beginnen die echten, seriösen DApps der DeFi-Welt: Die dezentralen bzw. nicht-treuhänderischen Börsen IDEX, dYdx und Uniswap, das onchain-Liquiditäts-Protokoll Kyber Network, die dezentralen Assets von Synthetix und mehr. Es ist erfrischend, dass unter den Top-25-Adressen keine weiteren Pyramidenspiele auftauchen, sondern größtenteils DeFi-DApps, die das Finanzwesen dezentraler und unabhängiger machen. Zusammen verbrauchten diese DeFi-DApps in den letzten 30 Tagen etwa 677.000 Dollar an Gas, während die vier Pyramidensysteme für Gebühren im Wert von rund 1,15 Millionen Dollar aufkamen.

Es sieht also nicht ganz so übel aus, wie gedacht. Während in den Jahren 2016-2018 die ICOs die Ethereum-Blockchain beinah absolut dominierten – und sich die allermeisten davon wenn nicht als Betrug, dann als gescheiterte Projekte und Geldgräber erwiesen – scheinen 2020 die echten Finanzanwendungen immerhin mit den Pyramidenspielen konkurrieren zu können, während die ICOs weitgehend verschwunden sind.

Allerdings muss man auch anerkennen, dass die „unaufhaltbaren“ Pyramidenspiele und MLM-Systeme aus Ethereum nicht mehr wegzudenken sind. Eine Google-Suche bei der Seite behindMLM.com erbringt unzählige Treffer für Vertriebsstrukturen ohne Produkt, die als Smart Contract auf Ethereum laufen. Dass diese nun dezentral sind, bedeutet, dass man sie nicht abschalten kann. Bei den traditionellen Systemen reichte es aus, den Kopf zu schnappen und die Plattform abzuknippsen, um das System zum Erliegen zu bringen. Mit den Ethereum-basierten Systemen ist das nicht länger möglich. Sie können prinzipiell so lange laufen, wie es Leute gibt, die für sie werben.

Das mag besorgniserregend sein. Aber es ist eine Tatsache, die durch kein Verbot und kein Gesetz zu ändern ist. Das einzige, was hilft, ist eine gute Aufklärung.

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