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Die wachsende Geldmenge ist ein gigantischer Raubzug – kann Bitcoin ihn aufhalten?

Die Volkswirtschaft spielt verrückt: Die Geldmenge weitet sich aus, das Bruttoinlandsprodukt sinkt – und doch ist die Inflation auf dem tiefsten Stand seit langem. Wie ist das überhaupt möglich? Wir suchen nach Gründen – und finden eine Umverteilung von Unten nach Oben, die droht, die Gesellschaft zurück in feudalistische Vermögensverhältnisse zu werfen. Bitcoin und andere Kryptowährungen können helfen. Wenn sie endlich als Geld in der Masse ankommen.

Die Geldmenge in der Eurozone steigt derzeit rapide an. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist sie im April um 8,3 Prozent angestiegen; die Geldmenge M1, die grob gesagt das Bargeld sowie Geld auf Bankkonten meint, sogar um 11,9 Prozent. Das ist die höchste Steigerung seit 2008.

Gleichzeitig wird für das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland ein heftiger Einbruch um mehr als 6 Prozent erwartet. Und das ist noch vergleichsweise milde. Für Italien, Spanien und Frankreich schätzen Ökonomen sogar Rückgänge von 8-11 Prozent im Jahr 2020.

Es gibt mehr Geld, aber weniger Güter. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass nun die Preise steigen müssen. Logisch, oder? Aber irgendwie passiert es nicht. Ganz im Gegenteil: Die Inflation in der Eurozone ist im vergangenen Monat auf 0,1 Prozent gefallen, einer der niedrigsten Werte seit einer Ewigkeit.

Die Wirtschaft verhält sich anti-intuitiv. Das ist so verwirrend, dass die meisten Experten nicht mehr weiterwissen. Gibt es eine Inflation oder eine Deflation? Oder bekommen wir beides, aber abwechselnd?

Wir versuchen, eine Erklärung für dieses merkwürdige Phänomen zu finden.

Der Warenkorb als Misinformation

Eine Erklärung wäre, dass die Inflation schlicht falsch berechnet wird. Die offizielle Berechnung basiert auf einem Warenkorb, der Güter zusammenstellt, von denen Experten meinen, sie spiegeln die Bedürfnisse des täglichen Lebens wieder.

Der offizielle Warenkorb nach destatis.de

Dass die Inflation derzeit so gering ist, liegt vor allem an den massiv eingestürzten Ölpreisen. Wer nicht mit Öl heizt und wenig Auto fährt, wird davon nicht viel mitbekommen.

Wirtschaftswissenschaftler der Uni Hohenheim meinen, dass der offizielle Warenkorb nicht die tatsächlichen Konsumgewohnheiten der Menschen repräsentiert. In einem Interview nennen sie ihn sogar eine „Fehlinformation der Bevölkerung„. Sie haben daher einen eigenen Warenkorb aufgestellt, den „Chilli-Con-Carne-Index„. Der erfasst rund 70 Lebensmittel und soll die erlebte Inflation der Normalverbraucher darstellen. Diese lag allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bei 7,5 Prozent. Wenn es so weitergeht, wird sie zweistellig werden.

Preisentwicklung des Chilli-Index nach der Uni Hohenheim

Ein anderer alternativer Index ist die „Gold-Wiesnmaß-Ratio„. Sie misst den Preisanstieg der Wiesnmaß seit 1950. In Euro betrachtet liegt er zuverlässig über zwei Prozent und beträgt im Durchschnitt seit 70 Jahren 3,9 Prozent. Die Anzahl an Maßn, die man sich mit einer Unze Gold kaufen kann, schwankt seit 1950 zwar kräftig – minimal waren es 46, maximal 227 – bleibt allerdings langfristig sehr viel stabiler.

Entwicklung Bierpreis in Euro und Gold. Quelle: Incrementum AG.

Natürlich ergeben solche Zeitreihen nur Sinn, wenn man die Einkommensentwicklung mitberücksichtigt. Laut Wikipedia sind die durchschnittlichen Jahresentgelte seit 1950 um das 25fache gestiegen, seit 1970 dagegen nur um das Sechsfache. Damit wäre die reale Kaufkraft in Maß seit 1970 GESUNKEN. 50 Jahren Wirtschaftswachstum, aber vom üblichen Einkommen kann man sich weniger Bier kaufen. Das ist ein ziemlich frustrierender Befund.

Natürlich sind Einkommensstatistiken schwierig; man kann mit dem Durchschnitt oder dem Median rechnen, und es gibt sicherlich viele verschiedene Datenquellen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Man könnte beispielsweise noch die steigende Ungleichheiten der Einkommen hinzurechnen, wie sie der Gini-Koeffizient nahelegt. Dann hätten die unteren Einkommensschichten einen erheblichen Verlust der Kaufkraft in Maß hinnehmen müssen.

Bier ist nicht alles, was man zum Leben braucht. Aber es ist eine Schande, dass man mit seinem Einkommen im Jahr 2020 weniger Bier kaufen kann als 1970. Die Gold-Wiesnmaß-Ration zeigt deutlich, warum man sein Geld in einer langfristig stabilen Währung wie Gold oder Bitcoin zurücklegen sollte.

Die große Umverteilung von Unten nach Oben

Die für mich interessanteste Erklärung liegt in der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Sie setzt an einer volkswirtschaftlichen Formel an, die „Quantitätsgleichung“ genannt wird. Sie geht so:

P * Y = M * V

Das sieht jetzt natürlich erstmal sehr kompliziert aus. Aber es ist ziemlich banal: Das Preisniveau (P) multipliziert mit dem Bruttoinlandsprodukt (Y) entspricht der Geldmenge (M) multipliziert mit ihrer Umlaufgeschwindigkeit (V).

Wenn die Geldmenge M steigt, aber sowohl Umlaufmenge (V) als auch Bruttoinlandsprodukt (Y) gleichbleiben, muss das Preisniveau steigen. Es gibt also eine Inflation. Wenn dagegen das Bruttoinlandsprodukt im selben Maß steigt, bleibt alles stabil. Wenn aber so wie derzeit eine Ausweitung der Geldmenge (M) mit einem Einbruch des Bruttoinlandsproduktes (Y) einhergeht, dürfte dies eine recht dramatische Teuerung auslösen. Den oben genannten Zahlen zufolge sollte sie deutlich zweistellig werden.

Es gibt nur eine Variable, die uns in diesem Szenario vor der Inflation retten kann: Die Umlaufgeschwindigkeit. Wenn sie sinkt, bleibt die rechte Seite der Formel stabil. Um eine Preissteigerung zu vermeiden, muss ein Sinken der Umlaufgeschwindigkeit sowohl das Wachstum der Geldmenge als auch das Sinken des BIP ausgleichen. Und genau das ist es, was seit Jahren passiert: Die Umlaufgeschwindigkeit sinkt, weshalb es trotz der Geldschwemmen durch die Zentralbanken zu keiner Inflation kommt.

Entwicklung der Umlaufgeschwindigkeit in der Eurozone. Statistik von Tagesgeldvergleich.de auf Daten der Deutschen Bundesbank.

Man könnte nun meinen, wir hätten Glück gehabt. Eine Variable federt die andere ab und verhindert, dass etwas Schlimmes passiert. Aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Das Sinken der Umlaufgeschwindigkeit ist ein schmutziger Skandal, der die Grundsäulen der modernen Gesellschaft ansägt. Vielleicht sehen wir die Folgen davon derzeit in den USA, wo der Prozess schon weiter fortgeschritten ist.

Aber zurück zur Umlaufgeschwindigkeit. Was bedeutet es, wenn sie sinkt? Es bedeutet, dass Geld weniger oft den Besitzer wechselt. Es wird gebunden. Seit der Finanzkrise 2008/2009 fluten die Notenbanken die Märkte mit Geld. Doch das frisch geschaffene Geld kommt nicht bei den Konsumgütern an, sondern versickert auf den Finanzmärkte. Das kann man in den Teuerungsraten von Investment-Gütern nachvollziehen:

  • Der Goldpreis hat sich seit 2008 etwa verdreifacht, was einer Teuerung von 10-15 Prozent im Jahr entspricht.
  • Die Punkte des Aktienindexes DAX haben sich seitdem etwa verdoppelt, im Vergleich zu den Tiefpunkten vor und nach 2008 sogar verdreifacht. Dies entspräche einer Teuerung von 5-10 Prozent.
  • Die Immobilienpreise z. B. in Bayern haben sich seit 2008 etwa verdoppelt. In manchen Regionen dürfte der Anstieg noch höher sein. Auch hier haben wir eine Teuerung von 5-10 Prozent im Jahr.

Während die offizielle Inflation der Verbrauchsgüter also bei 1-2 Prozent herumkrebst, verteuern sich Investmentprodukte mit 5-15 Prozent, unter Umständen auch deutlich mehr. Es ist leicht zu erkennen, dass dies die Ungleichheit dramatisch erhöht: Wer ab 2008 genügend Kapital hatte, um in Gold, Aktien, Immobilien (oder Bitcoins) zu investieren, konnte sein Vermögen verdoppeln – während diejenigen, für die es nur fürs Sparbuch reicht, nicht mal die geringe Inflationsrate ausgleichen konnten. Hinter dem Schleier der „Nicht-Inflation“ fand ein Raubzug statt, der rasend schnell Vermögen von Unten nach Oben schauffelt.

Mit der Corona-Krise kehrt dasselbe Programm zurück. Vielleicht sogar noch extremer. Die Geldmenge steigt rasant und das BIP sinkt dramatisch, während die Inflation minimal bleibt. Daher dürfte sich der Trend weiter verschärfen: Einkommenssteigerungen und Sparbücher werden die Inflation bei beispielsweise Lebensmitteln nicht ausgleichen können, während die Preise von Gold, Aktien und Immobilien spürbar steigen werden. Wer hat, dem wird gegeben, und wer nicht hat, dem wird genommen. Die Vermögensverteilung des Feudalismus kehrt zurück.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass in diesem Zuge auch die Kurse von Bitcoin und Kryptowährungen anziehen. Das hat aber nichts mit einer magischen Stock-to-Flow-Ratio zu tun, sondern einfach nur damit, dass Bitcoin ein Anlageprodukt ist, das Geld bindet, wenn die Notenpressen die Märkte mit Geld fluten, dieses aber nicht bei den Verbrauchsgütern ankommt.

Benutzt Bitcoin!

Derzeit spielen Bitcoin und andere Kryptowährungen also dieselbe unleidliche Rolle wie Gold, Immobilien und Aktien: Sie fangen das einsickernde Zentralbankgeld auf, halten die Inflation von den Konsummärkten fern und machen dabei die Reichen immer reicher. Aber das muss nicht so sein. Bitcoin könnte stattdessen das Instrument sein, das diese unheilvolle Dynamik durchbricht und die Rückkehr in feudalistischer Vermögensverhältnisse verhindert.

Die Lösung wäre ganz einfach: Benutzt Bitcoin und andere Kryptowährungen wie Geld. Akzeptiert es in eurem Online-Shop, akzeptiert es als Gehalt, oder wechselt eure Euro in Bitcoins, sobald sie auf dem Konto angekommen sind. Bezahlt wo immer es geht mit Bitcoin, und wo es nicht geht, wechselt kurzfristig Euro in Bitcoin. Spart keine Euro, sondern spart Bitcoin.

Und mit Bitcoin meine ich nicht nur die Kryptowährung BTC – ich meine auch andere Kryptowährungen: Ethereum, Bitcoin Cash, Bitcoin SV, Litecoin, Monero, Dogecoin – jede Kryptowährung mit einer begrenzten Menge an Token, keinem Premining und einer vernünftigen Verteilung der Coins.

Es war vermutlich noch nie so wichtig, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen als Geld in der breiten Masse ankommen wie heute.

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