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Die neue Welle des FUDs und „die klassische Bitcoin-Antwort“

Nachdem der Bitcoin-Preis auf ein neues Allzeithoch gestoßen ist, geht wieder eine Welle des „FUD“ herum, die Bitcoin um jeden Preis schlecht zu machen versucht. Bitcoiner reagieren darauf augenzwinkernd mit dem Wunsch, dass das Armbleiben wenigstens Spaß machen möge.

Es gibt ein paar Dinge im Leben, die sicher sind. Üblicherweise sind das die Steuern, der Tod und die FUD-Welle, die ein Bitcoin-Allzeithoch begleitet.

FUD steht Englisch für „Fear, Uncertainty, Doubt„, also „Furcht, Unsicherheit und Zweifel“, und meint eine Kommunikationsstrategie, die darauf abzielt, eben dies zu streuen. FUD. Zu eilig von „FUD“ zu reden, macht es einem zwar manchmal zu leicht, die Augen vor Kritik zu schließen. In letzter Zeit füllt sich das Internet allerdings wieder mit so viel FUD gegen Bitcoin und Kryptowährungen, dass es durchaus gerchtfertig ist, von einem solchen zu reden.

Die Kritiken sind im besten Fall halbinformiert, holen in der Regel alte, längst diskutierte Einwürfe hervor, und tun dabei so, als hätten sie exklusiv erkannt, weshalb Bitcoin scheitern muss.

Lieber Schnaps und Thunfisch als Bitcoin?

Ein exzellentes Beispiel für den FUD 2021 ist dieser Artikel in der ZEIT: Autor Mark Schieritz konstatiert, dass Bitcoin ein neues Allzeithoch von 42.000 Dollar erreicht hat, verkündet jedoch kalauernd: „Das könnte sich als Fehlkalkulation herausstellen, denn Bitcoin ist – nun ja – sein Geld nicht wert.“

Warum? Erstens sei Bitcoin nicht krisensicher, da die Kryptowährung auf eine digitale Infrastruktur angewiesen ist. Wer sich wirklich wappnen möchte, sollte, so der im Ernstfall ziemlich gefährliche Rat des Journalisten, Thunfisch, Schnaps und Waffen kaufen. Und selbst in einer weniger apokalyptischen Krise werde der Staat, prophezeit Schieritz, auch die Bitcoiner zu Ader lassen.

Das Argument ist einfach zu entkräftigen. Bitcoin es dem Staat zwar tatsächlich nicht unmöglich, Geld zu konfiszieren, aber ziemlich schwer. Beim Bankkonto reicht ein Brief an die Banken, und schon befinden sich die Bürger in der juristischen Bringschuld, um wieder Zugriff auf ihr Vermögen zu haben. Bei Bitcoin müsste Vater Staat 1) von den Coins wissen (was möglich, aber weniger geradlinig als bei Bankengeld ist), 2) einen Gerichtsbeschluss erzielen und 3) sich die Coins durch physische Gewalt aneignen. Dies ist durchaus „sein Geld wert“.

Zweitens muss eine Krise nicht knallen. Bitcoiner wissen einfach nur, dass das Fiat-Geld so, wie es derzeit läuft, schlichterdings immer weiter entwerten wird. Die Bürger werden mit dem Euro die Schulden des Staates bezahlen, ohne dass dieser konfiszieren muss. Wer Euro hält, ist ein Opfer, wer Bitcoins besitzt, wählt den Ausstieg aus diesem schmutzigen Spiel, das seit Jahrhunderten läuft.

Wir wären damit schon fast bei der klassischen Bitcoin-Antwort. Aber wir bleiben noch ein Stück beim FUD.

Die alte Sache mit dem Stromverbrauch

Der zweite Kritikpunkt von Schieritz ist, wenig überraschend, der Stromverbrauch. Das finde ich noch halbwegs angemessen, da die Bitcoin-Miner tatsächlich eine riesige Menge Strom verbrauchen und wir ja bekanntlich eine Klima- und Energiekrise haben. „Eine gewaltige weltweite Umweltschweinerei“ findet Schieritz das, und das auch noch für „ein Spielzeug für Digi-Nerds und Finanzapokalyptiker“.

Das Umweltthema ist komplex. Auf den ersten Blick verbraucht Bitcoin irrsinnig viel Strom – etwa so viel wie ein kleines Industrieland – und das ist selbstverständlich ein Problem für Energiewende und Klimawandel. Aber wer wie Schieritz und viele andere Kritiker beim ersten Blick stehen bleibt, wird einiges übersehen.

Denn auf den zweiten Blick sind Bitcoin-Miner einzigartig effizient, dort zu produzieren, wo Strom günstig ist. Das sorgt schon beinah von selbst dafür, dass nachhaltige Energien verwendet werden – vor allem Wasserkraft – und es eröffnet der Politik mehr als genügend Optionen, das System ohne Zwang zu nachhaltigen Energien zu treiben. Wenn der Wille da ist. Nicht das Mining ist das Problem, sondern zu günstige Preise für konventionelle Energien. Dieses Problem wird das Klima auch dann ruinieren, wenn alle Miner verboten wären.

Auf den dritten Blick wird das Halvening die Erträge der Miner in Bitcoin alle vier Jahre halbieren – und damit auch den Stromverbrauch. In wenigen Jahrzehnten werden die Miner ihre Stromrechnung nur noch durch Transaktionsgebühren bezahlen. Bitcoin wird damit einen ähnlichen Stromverbrauch haben wie andere hochskalierbare Transaktionssysteme. Der exzessive Stromverbrauch ist nur eine Übergangssituation, bis die Subventionen durch den Block-Rewad auslaufen.

Auf den vierte Blick schließlich ist und bleibt unser sich in der Wachstumsfalle befindendes Finanzsystem die größte Quelle von Umweltverschmutzung und Klimawandel. Mit weitem Abstand. Dass die Menschheit innerhalb der letzten 150 Jahre die Umwelt mehr zerstört hat als in den ersten 100.000 Jahren unserer Spezies – das ist nicht die Schuld von Bitcoin. Wenn ein deflationäres Geld wie Bitcoin auch nur eine winzige Chance hat, dieses System zu überwinden, dann wäre Bitcoin unsere einzige Aussicht, die Katastrophe des Klimawandels noch aufzuhalten – trotz, vielleicht sogar gerade wegen des horrenden Stromverbrauchs.

Noch mehr FUD: Tether und die Skalierbarkeit

Natürlich haben wir noch mehr FUD:

Beliebt ist etwa Tether-Komplott. Kritiker sagen, der Bitcoin-Preis werde nur durch die Tether-Dollar nach oben manipuliert, und weil diese nur durch heiße Luft anstatt Papiergeld gedeckt seien, werde das System implodieren und mit ihm alle Krypto-Kurse.

Natürlich kann ich den Tether-FUD nicht entkräftigen. Er existiert seit Anfang 2018, und das System läuft fröhlich weiter. Warum mich das angebliche Tether-Komplott nicht mehr besorgt, habe ich hier beschrieben.

Andere wiederum sagen, Bitcoin sei dabei gescheitert, seine ursprüngliche politische Vision zu verwirklichen – als ein digitales P2P-Bargeld – weil die Gebühren zu hoch und die Transaktionsbandbreite zu gering sind, weshalb die Kryptowährung heute nicht mehr als Bargeld verwendet wird, sondern als Spekulationsinstrument und digitales Gold. Das kann man so sehen. Aber das digitale Gold funktioniert offenbar prächtig – sehr viel besser, als viele erwartet hätten. Und man braucht schon viel Phantasie, um ein Allzeithoch des Preises als ein Scheitern zu verkaufen.

Meiner Meinung nach ist es auch ein Erfolg von Bitcoin, wenn man andere Kryptowährungen – sagen wir, Litecoin, Monero oder Bitcoin Cash – als digitales Bargeld verwendet kann. Außerdem gibt es ja noch das Lightning-Netzwerk, das noch längst nicht perfekt ist, aber für die eine oder andere Transaktion die Gebühren abschneidet.

Psychologie des spontanen FUD

Es geht derzeit also eine relativ breite FUD-Welle herum, die ungefähr mit denselben Argumenten arbeitet wie wir sie seit 2013 im Übermaß hören.

Woher kommt das? Und warum jetzt?

Vermutlich fühlen sich viele Investoren, Journalisten und Influencer berufen, eben darum so laut zu warnen, weil der Preis so hoch ist. Das ist vollkommen legitim. Ich wünsche schon lange, dass die populären Medien das Loblied über Bitcoin nicht dann zu singen beginnen, wenn die Blase schon ausgebildet ist, sondern davor, und dass sie in Blasenzeiten eher vorsichtig mahnen.

Manche Bitcoiner meinen auch, dass hinter dem FUD organisierte Kräfte stehen, denen der Arsch nun, da Bitcoin entgegen aller Erwartungen nicht stirbt, sondern immer weiter wächst, auf Grundeis geht. Die EZB und das etablierte Bankwesen haben Muffesausen, so die Theorie, und daher bezahlen sie Leute, um FUD zu streuen. Dieser Verdacht dürfte aber eher dem Wunschdenken und der Neigung zu Verschwörungstheorien entsprossen sein. Wenn die herrschenden Mächte gegen Bitcoin vorgehen, brauchen sie kein FUD. Sie haben den Hammer des Gesetzes.

Ich vermute eher, dass relativ banale psychologische Mechanismen hinter der derzeitigen FUD-Welle steht: Es muss recht ärgerlich sein, seit 2013 oder länger zu wissen, dass Bitcoin Unfug ist, aber dann zuzusehen, wie der Markt das wieder und wieder anders sieht. Man hat ja recht, aber die anderen werden reich. Die Befriedigung, die man aus dem Platzen der letzten Blase gezogen hat, wird mehr um mehr zum Unbehagen.

Für die meisten Leute ist es sehr schwierig, sich selbst einzugestehen, dass sie unrecht hatten, umso mehr, wenn dieses Unrechthaben rückblickend eine ziemlich teure Entscheidung war. Daher vertreten sie eine festgefasste Meinung nur umso aggressiver, desto stärker sie ins Wanken kommt. Psychologen haben das mal so erklärt, dass die eigene Meinung ein Teil des Ichs ist, und ein Angriff auf die Meinung so zum Angriff auf die Persönlichkeit wird. Eventuell erklärt das 60 Prozent des Datenaufkommens in sozialen Medien.

Aber viel wichtiger ist: Wie reagieren Bitcoiner auf all diesen FUD? Gibt es eine Standardantwort?

Ja, die gibt es. Aber ihr werdet euch damit nicht zwingend beliebt machen.

„Die klassiche Bitcoiner-Antwort“

Bitcoin-Über-CEO Michael Saylor führte kürzlich in einem Interview vor, wie man die korrekte Standardantwort auf die korrekte Weise gibt:

Bitcoin sei, so Saylor, „das erste thermodynamisch stabile Geld-Netzwerk“, und es gäbe keinen Grund, weshalb der Preis nicht weiter um den Faktor 100 steigen solle. „Und wenn du darin nicht investierst oder sonstwie einen Profit daraus schlägst, weil du fürchtest, dass in 1000 Jahren, oder in 100 oder 20 oder 10, Dr. Evil einen Quantencomputer haben wird“, führt der CEO aus …

(die Furcht, ein Quantencomputer könne Bitcoin zerstören, ist naheliegend, aber wie so viele Sorgen bei genauerem Hinsicht viel weniger besorgniserregend als man zunächst denkt)

… um dann zu antworten, und zwar mit, kündet Saylor augenzwinkernd an, „der klassischen Antwort der Bitcoiner:

Viel Spaß dabei, arm zu bleiben!“ Auf Englisch: „Have fun staying poor.“

Dieses geflügelte Wort geht seit einigen Monaten in den sozialen Medien rund um Bitcoin und Krypto herum: Als Antwort auf FUD, auf Einwände gegen Bitcoin, auf Werbung für Altcoins. Und so weiter: „Deine Entscheidung, arm zu bleiben, viel Spaß dabei.“

Das klingt natürlich maßlos zynisch und arrogant. Aber ist sie das wirklich?

Die fröhliche Resignation

Die „klassische Bitcoiner-Antwort“ drückt auch eine Art der fröhlichen Resignation aus.

Viele Bitcoiner klären ihre Verwandt- und Bekanntschaft seit Jahren über die Kryptowährung auf. Sie erzählen hier, erzählen da, und immer, wenn die Preise wieder steigen, werden sie durch ihre Verwandt- und Bekanntschaft mit Dutzenden von Fragen bombardiert.

Kann das sein, dass Geld aus Nichts entsteht? Ist das nicht zu riskant? Ist der Preis jetzt nicht zu hoch? Kann jemand den Algorithmus ändern? Gibt es jemanden, der mir die Coins aus der Wallet wegnimmt? Benutzen das nicht nur Kriminelle? Und soll ich nicht lieber etwas neues kaufen, so wie Coin XYZ, weil der noch mehr steigt als Bitcoin? Und so weiter.

Die meisten Bitcoiner haben diese Fragen zehnmal öfter beantwortet, als sie es wollen, und viel zu oft scheinen Leute die Antworten nicht zu verstehen oder nicht verstehen zu wollen. Die Leute kaufen dann nicht während der Blase, weil es zu teuer ist, und danach kaufen sie nicht, weil es zu billig ist; sie sind genervt von den Bitcoin-Fans, die ständig für Bitcoin werben wollen, aber entscheiden sich dann, in eines der Blockchain-MLM-Systeme einzusteigen, für die ihnen ein entfernter Bekanner so tolle Profite versprochen hat.

Gerade im Corona-Jahr 2020 wurde es mehr als offensichtlich, dass die braven Bürger, die in Euro sparen, gemolken werden, und dass systematisch Weichen gestellt wurden, die alternativlos das Vermögen von den kleinen Bürgern zur Regierung und zu denen transportiert, die ihr Vermögen in Aktien halten. Es dürfte mittlerweile auch offensichtlich sein, dass dieser gigantische Raubzug, der Geld von unten nach oben schauffelt, seit gut einem Jahrzehnt läuft, und auch schon die ersten statistisch und lebensweltlich spürbaren Folgen zeitigt.

Bitcoin ist einfach nur ein Angebot, diesem destruktiven System zu entkommen. Ein individuelles Bitcoin-Investment wird das System nicht stoppen und es wird auch nicht verhindern, dass andere in der Falle bleiben. Aber Bitcoin – ob als Geld oder Investment – gibt jedem Individuum der Welt die Chance, das eigene Vermögen und Leben diesem System zu entziehen. Und wer diese Chance nicht wahrnimmt, wegen diesem oder jenem oder sellem Grund, der … —

Um ehrlich zu sein, habe ich mich auch schon öfter in einer solchen leicht resignativen Situation vorgefunden. Irgendwann bleibt nicht viel mehr, als nach einer langen Diskussion zu sagen „Naja, das System macht dein Erspartes kaputt, das ist logisch, und Bitcoin hilft dir, dich dagegen zu schützen. Du kannst das nutzen, oder eben auch nicht, ich werde dich zu nichts überreden.“

Oder, etwas prägnanter und darum auch unhöflicher: „Viel Spaß dabei, arm zu bleiben.“

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