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Die ausgebliebende Revolution – und die vielleicht wichtigste Frage für Bitcoin in diesem Jahr

Bitcoin sei gescheitert, konstatiert ein Autor auf Heise zum zehnten Geburtstag unserer Kryptowährung. Das ist natürlich falsch – aber einiges, was er an Kritik vorträgt, ist durchaus berechtigt: Aus dem Versprechen, die Mittelsmänner aus dem Online-Handel zu entfernen, wurde bislang nicht so viel. Wir hoffen, dass sich das 2019 langsam ändert. Ein Kommentar zu einem Kommentar.

Beginnen wir mit dem Preis von Bitcoin. Heute steht er bei 3.500 Euro, und der Kursverlauf der letzten Wochen sieht eigentlich ganz nett aus.

Der Bitcoin-Kursverlauf der letzten 30 Tage bei Bitcoin.de

Charttechnisch erinnert die Lage an Januar 2015. Wie heute hatte Bitcoin damals ein Jahr Bärenmarkt hinter sich; die große Blase Ende 2013 hatte sich von einem Gipfel von etwa 850 Euro auf rund 200 heruntergearbeitet. 2015 wurde zu einem Jahr der Seitwärtsbewegungen. Mal ging es rauf, mal runter, aber insgesamt nahm die Volatilität ab — bis es dann ab 2016 immer schneller wieder aufwärts ging. Wiederholt sich die Geschichte – noch einmal?

Exponentielle Kurssprünge

Bisher hat der Bitcoin-Preis in jeder “Reward-Ära” eine Blase ausgebildet. Falls Sie den Begriff nicht kennen: Alle vier Jahre halbiert sich die Belohnung, die die Bitcoin-Miner je Block erhalten. Erst waren es 50 Bitcoins, dann 25, derzeit 12,5, und ab Mai 2020 werden es nur noch 12,5 Coins sein. Jede dieser Phasen ist eine Reward Ära, und jede hatte ihre Blase: In der ersten gipfelte der Preis bei 30 Dollar, in der zweiten bei 1250, und in der dritten bei 20.000. Die vierte Ära verspricht dieser Logik zufolge einen weiteren exponentiellen Sprung in schwindelerregende Höhen.

Der Bitcoin-Preis seit 2011, exponentiell dargestellt. Die drei Spitzen der Blasen sind deutlich zu erkennen. Quelle: Blockchain.info

Es könnte aber auch sein, dass sich nun etwas geändert hat. Der Bitcoin-Preis steigt solange exponentiell, bis er es nicht mehr macht. So wie alles. Ein Autor des Technik-Magazins Heise.de meint nun, dass Bitcoin zum zehnten Jahrestag gescheitert sei.

Keine Revolution im Handel

Dabei ist Fabian Scherschel an sich Fan von Bitcoin. Die Idee sei “einfach, aber genial: Mit einem verteilten Peer-to-Peer-Netzwerk die Macht der traditionellen Finanzinstitutionen brechen, Verkäufer und ihre Kunden auf digitalem Wege von der Plage der Mittelsmänner befreien und Banken durch Millionen von Gaming-Rechnern ersetzen.” Wenn dies gelingt, hätte Bitcoin nicht weniger als “den Welthandel revolutioniert.”

Umso enttäuschter ist der Autor nun. “Die noch vor einigen Jahren vorausgesagte Revolution an den Ladenkassen ist ausgeblieben. Und der Onlinehandel läuft auch 2019 noch über Lastschrift, PayPal, Kreditkarte und Sofortüberweisung – mit Mittelsmännern, denen Käufer und Verkäufer vertrauen müssen. Also genau so, wie Nakamoto es eben nicht wollte.”

Womit Scherschel leider nicht unrecht hat. Bitcoin ist weiterhin ein absolutes Nischenzahlungsmittel.

Der Unterschied zwischen 2015 und 2019

Damit wären wir bei der Sache angelangt, die den Januar 2019 womöglich vom Januar 2015 unterscheidet. Damals blickte Bitcoin auf eine rasant wachsende Verbreitung und Akzeptanz zurück. 2014 haben unzählige Firmen Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptiert; die Kryptowährung verließ das “Alpaka”-Zeitalter, in dem sie nur in Nischen-Shops angenommen wurde, und wurde immer weitflächiger als Zahlungsmittel anerkannt. Dementsprechend zog die Anzahl der täglichen Transaktionen deutlich an und überschritt zügig das Niveau kurz vor der Blase.

Anzahl der täglichen Transaktionen 2014-2015. Quelle: Ebenfalls blockchain.info

2018 sieht anders aus. Es gab so gut wie keine beeindruckende Akzeptanz im Online-Handel. Firmen wie Steam haben Anfang des Jahres sogar aufgehört, Bitcoins anzunehmen. Als Zahlungsmittel hat Bitcoin 2018 stagniert und ist vielleicht sogar zurückgegangen. Ein Beispiel findet man in der Statistik von Arnhem Bitcoinstad, der Bitcoin-freundlichsten Stadt der Welt, in der ungefähr 100 Läden Bitcoin akzeptieren. Hier ist man – mit Biegen und Brechen – wieder dort, wo man 2015 war.

Monatliche Zahlungen mit Bitcoin im Arnheimer Einzelhandel. Quelle: Arnhem Bitcoinstad

Vermutlich würden andere Statistiken ähnlich aussehen. Das zeigt sich auch in der täglichen Anzahl an Transaktionen. Sie steigt zwar seit Anfang 2018 recht entschlossen, bleibt insgesamt aber weiterhin tiefer als das ganze Jahr 2017 über.

Tägliche Anzahl Transaktionen 2018 bis 2019. Quelle: erneut Blockchain.info

Bitcoin ist da, die ganze Welt weiß davon, immer mehr Menschen investieren in Krypto, fast alle großen Börsen der Welt wollen Bitcoin zum Handel anbieten, es wird reguliert, geworben, gebildet, geschürft – aber irgendwie kommt Bitcoin nicht so richtig im Alltag an. Der ganz normale Handel wird weiterhin von Banken, PayPal und Kreditkarten dominiert. Von der “Plage der Mittelsmänner”, wie Scherschel schreibt.

Woran liegt es? Und kann es Bitcoin gelingen, diesen Sprung in den kommenden ein, zwei Jahren zu nehmen? Oder werden wir am zwölften und fünfzehnten Geburtstag unserer Kryptowährung weiterhin darauf warten, dass die “Adoption”, die allgemeine Verbreitung, einsetzt, wie die Jünger einer Religion auf das goldene Zeitalter?

Die alte Frage, ob und wie Bitcoin skalieren kann …

Ab hier wird die Frage kompliziert. Sie spaltet sich in zahlreiche vage, kaum belegbare Thesen und Spekulationen, die insgesamt ein widersprüchliches Bild ergeben und von ideologischen Grabenkämpfen der Bitcoin-Szene umzingelt sind.

Scherschel sieht den Grund in der Technik. Bitcoin sei “ziemlich unpraktisch”: Zu langsam, und technisch nicht in der Lage, “das Volumen, das der Welthandel zu Stoßzeiten wie an Weihnachten produziert, auch nur ansatzweise verarbeiten zu können.” Dies mache die Kryptowährung im Alltag von Verkäufern und Käufern “quasi nutzlos”. Tatsächlich stößt das Bitcoin-Netzwerk regelmäßig an seine Kapazitätsgrenzen. Der MemPool der unbestätigten Transaktionen wurde niemals leer; die Gebühren liegen im Normalbetrieb bei etwa 5 Cent je Transaktion, und springen zu Stoßzeiten rasch auf 20 bis 50 Cent. Dies allein macht Bitcoin für den Handel unattraktiv.

Man könnte darüber diskutieren, ob dies tatsächlich an der Technik liegt, die einfach nicht skaliert, oder daran, dass Bitcoin weiterhin ein enges Blocksize-Limit hat. Das ist eine alte Frage. Die eine Seite sagt, nein, Bitcoin kann nicht skalieren, solange wir nicht ein offchain-Netzwerk wie Lightning benutzen, während die andere sagt, dass Bitcoin skalieren kann und muss. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen, aber die Grabenkämpfe zwischen beiden Seiten haben das, worum es eigentlich ging – Bitcoin in die Welt zu bringen – ein gutes Stück weit zurückgeschlagen.

Mit der Bitcoin Cash Fork – nun auch Bitcoin SV – wurde 2017 der Versuch unternommen, zu demonstrieren, dass Bitcoin sehr wohl onchain skaliert. Der Beweis bleibt aber bislang aus, da Bitcoin Cash so gut wie nicht verwendet wurde. Es ist wie eine Geisterstadt mit 32 Wolkenkratzern.

Dass Bitcoin Cash es nicht geschafft hat, das Bezahlen mit Bitcoin auf sich zu konzentrieren, trotz der niedrigen Gebühren und trotz der breiten Akzeptanz durch BitPay, weist vielleicht auf etwas anderes hin: Es besteht kaum eine Nachfrage danach, mit Bitcoin zu bezahlen. Warum auch? Die etablierten Verfahren funktionieren für den Kunden wunderbar.

Es könnte daher sein, dass all das gar nicht so wichtig ist. Vielleicht geht es bei Bitcoin gar nicht darum, mit PayPal und anderen alltäglichen Zahlungsverfahren zu konkurrieren, sondern darum, eine unabhängige, freie Alternative bereitzustellen, für die Fälle, in denen die herkömmlichen Methoden scheitern.

2019 – das Jahr der Akzeptanz und Nutzer?

Vielleicht geht es aber doch darum: Vielleicht braucht Bitcoin die Akzeptanz im allgemeinen Zahlungsverkehr, um wirklich nützlich zu sein, nützlich gerade dort, wo er benötigt wird, und um aus der Ecke des Spekulationsgeldes herauszukommen.

Wenn dem so wäre, könnte 2019 tatsächlich entscheidend werden. Bitcoin muss es schaffen, den bisherigen Kurs der steigenden Verbreitung und Akzeptanz fortzusetzen; er muss nicht nur für, wie Scherschel schreibt, “Cypherpunk-Nerds oder Kriminelle” ein alltägliches Zahlungsmittel sein, sondern in der Allgemeinheit ankommen.

Aber ist das möglich? Technisch definitiv. Bitcoin (BTC) hat dank SegWit noch einen überschaubaren, aber doch sichtbaren Spielraum für mehr Kapazität. Die große Hoffnung ruht aber auf dem Lightning-Netzwerk, das Bitcoin dank offchain-Verfahren weit genug skalieren soll, um den gesamten Welthandel und mehr zu prozessieren, auch an Weihnachten und Ostern. Theoretisch könnte es klappen – aber die offene Frage ist noch, ob das System seine inhärente Komplexität gut genug bändigt, um auch praktisch attraktiv zu sein. Bislang ist es davon noch ein Stück weit entfernt. In jedem Fall wird der Umstieg auf ein anderes System Zeit und Mühe kosten.

Falls es mit Lightning nicht klappt, aber eine Nachfrage nach Bitcoin als Zahlungsmittel besteht, stehen Bitcoin Cash und Bitcoin SV bereit, die Lücke zu schließen. Sie versprechen, onchain – und damit für den User deutlich einfacher – weit genug zu skalieren, um als weltweites Zahlungsmittel verwendet zu werden. Nachdem ein “Flippening” der User aber schon 2018 nicht geklappt hat, bedeutet das auch für Bitcoin Cash / SV, dass es Zeit und Mühe kosten wird, die Welt zu überzeugen. Technisch bereit zu sein, reicht nicht aus.

Ob so oder so oder so, BTC oder BCH oder BSV – es könnte wichtig werden, ob es Bitcoin gelingt, 2019 wieder den Kurs der steigenden Verbreitung zu finden. Daher könnte die “Adoption” – die Verbreitung und Akzeptanz – in diesem Jahr wieder zum wichtigsten Thema werden. Und das bedeutet: Die drei Bitcoins konkurrieren darum, mit nützlichen und userfreundlichsten Apps die Nutzer zu überzeugen. Davon könnten alle profitieren.

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