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„Bitcoin-Mining ist zu einer Industrie herangewachsen und muss sich wie jede andere Industrie der Gesellschaft gegenüber verantworten.“

Der Klimawandel ist da, und das Bitcoin-Mining steht zuweilen im Verdacht, ihn als Treiber des Stromverbrauchs zu befördern. Während andere Bitcoiner versuchen, das Problem klein zu reden, plädiert Christian Rotzoll von RaspiBlitz für einen offeneren Umgang mit dem Thema – und dafür, von den Minern ökologische Verantwortung einzufordern.

Der Energieverbrauch von Bitcoin ist ein kontroverses Thema, gerade zu einer Zeit, in der der Klimawandel immer deutlicher zu spüren ist. Die einen sagen, Bitcoin sei schrecklich, weil der hohe Energieverbrauch des Minings den Stromverbrauch und damit die klimaschädlichen Emissionen in die Höhe treiben. Die Linkspartei ging sogar soweit, dies zum Anlass zu machen, ein Verbotzu fordern.

Die anderen dagegen – darunter auch wir – sagen, dass der größte Teil des Stroms, der in das Mining fließt, aus erneuerbaren Quellen kommt und daher klimaneutral ist.

Der deutsche Bitcoiner Christian Rotzoll hat dazu eine spannende Ansicht. Der Berliner Macher des RaspiBlitz, eines Minimal-Full-Nodes mit Lightning-Anbindung, hat auf Twitter vor kurzem gefordert, das Thema nicht zu verharmlosen und Kohlekraft-Miner öffentlich anzuprangern. Ich fand diese Ansicht erfrischend anders, weshalb ich Christian gebeten habe, mir einige Fragen zum Thema zu beantworten.

Christian Rotzoll

Christian Rotzoll

Christian ist schon seit einigen Jahren in der Bitcoin-Szene um den Room77 aktiv. Sein RaspiBlitz ist vor allem in der Lightning-Community ein stehender Begriff, der kleinste mögliche Full Node, der einen ins Lightning-Netzwerk katapultiert. Obwohl ihn das zu einem Teil der Bitcoin-Szene macht, ist er längst nicht mit allem einverstanden, was aus der Community kommt.

„Dass ich jetzt öffentlicher zum Energie-Thema spreche, hat damit zu tun, dass gerade auf Twitter von einigen recht lautstarken Bitcoinern (zumeist aus den USA) recht ignorante Meinungen zu Bitcoin und Klima zu lesen sind.“ Er setzt dem seine Ansicht entgegen, weil er hofft, „einen konstruktiven Beitrag leisten zu können, wie sich Bitcoins Proof-Of-Work und Klimaschutz für die Zukunft besser in Einklang bringen lassen.“

Christian kann verstehen, dass das stromhungrige Bitcoin-Mining für viele außerhalb der Szene ein rotes Tuch ist. „Ich höre oft, ‚Das Letzte, was wir derzeit brauchen, ist eine weitere energiehungrige Industrie.‘ In einer Zeit, in der andere Teile der Gesellschaft damit beschäftigt sind, Energie einzusparen und ihren CO2-Footprint zu reduzieren, kommt Bitcoin-Mining augenscheinlich ungünstig. Aktuell ersetzt Bitcoin keine großen Teile der alten Finanzindustrie. Somit fügt das Mining erstmal nur ein Problem für die Umwelt hinzu, anstatt eines zu lösen.“

Bitcoin kann helfen, das Klima zu schützen

Christian betont aber auch das Potential von Bitcoin eben für Energiewende und Ökologie: „Mittelfristig has das Bitcoin-Mining Potentiale für einen positiven Beitrag zum Umbau hin zu einer dezentralisierten und regenerativen Energieinfrastruktur. Proof-of-Work kann Überschussenergien verwerten, die man für eine dezentrale stabile Stromversorgung sowieso als Reserven für Leistungsspitzen vorhalten muss. Das Bitcoin-Mining könnnte eine strategische Rolle zur Finanzierung solcher geplanter Überkapazitäten spielen.“ Bisher allerdings wurde dieses Potential, trotz jahrelanger Versprechen, noch nicht eingelöst.

Langfristig verheißungsvoller ist für ihn ein ökonomischer Effekt von Bitcoin: „Sollte sich Bitcoin tatsächlich als eine weltweite Leitwährung durchsetzen und damit als ein von Zentralbanken unabhängiges Vollgeld das aktuelle Kreditgeldsystem ablösen, könnte dies den Zwang zum Wachstum aus der Weltwirtschaft nehmen, der Kredit geschöpftem Geld vom Wesen her inne liegt.“ Interessanterweise gibt es hier eine Schnittmenge zwischen Bitcoinern und Klimaforschern, die ebenfalls eine solche Alternative zum Kreditgeldsystem befürworten, „damit wir zu einer nachhaltigeren Wirtschaft gelangen können. So verrückt es klingt: Bitcoin ist aktuell unsere beste reale Chance, eine solche Alternative weltweit gegen die Macht des aktuellen Systems herbeizuführen.“

Allerdings ist beides derzeit noch Theorie und Zukunftsmusik. Wie sieht es in der Gegenwart aus, und was kann man kurzfristig tun?

Kein Grund für Hysterie, aber auch nicht für Entwarnung

Ob und wie sehr Bitcoin schlecht für die Umwelt und das Klima ist, kann Christian nicht exakt sagen. Die Medienmeldungen, Bitcoin sei ein Klima-Killer, hält er für ebenso übertrieben wie die Rechtfertigung vieler Bitcoiner, Mining sei unschädlich, weil meist grüne Energien verwendet werden.

„Es gibt bisher wenig gesicherte Beweise, dass Bitcoin-Mining zum jetzigen Zeitpunkt in einem kritischen Ausmaß direkt zum Klimawandel beiträgt (siehe FAQ der Cambridge Center for Alternative Finance). Die für Bitcoin positivste Studie, der CoinShares-Report, der der Mining-Industrie nahesteht, spricht von einem Anteil der regenerativen Energien im Bitcoin Mining von ca. 78% in 2018 und 74% in 2019. Diese hohen Prozentzahlen mögen auf den ersten Blick gut aussehen, doch man muss sie in Relation zu den riesigen Energiemengen setzen, die für Bitcoin-Mining insgesamt aufgewendet werden. Die aktuellen 26% fossiler Energien, die derzeit für Bitcoin verbrannt werden, sind nichts, worauf man stolz sein kann, und tragen sehr wahrscheinlich zu einem gewissen Teil zum Problem der globalen Erwärmung bei.“

Ungünstigerweise zeigen dabei selbst die positiven CoinShares-Zahlen „keinen Wachstumstrend der erneuerbaren Energien – dieses Jahr beinhaltet die Studie sogar einen kleinen Rückgang um 4%.“ Solange hier kein Wachstumstrend zu sehen sei, „sollten wir uns in der Bitcoin-Szene nicht zurücklehnen und uns die Sache schönreden.“

Auch Argumente, dass beispielsweise die Weihnachtsbeleuchtung in den USA oder das Streamen von Videos genauso viel Strom verbrauchen wie Bitcoin, hält Christian für fadenscheinig. Denn der Energieverbrauch folge stets dem Marktpreis von Bitcoin. „Im Detail gibt es hier ein paar Verschiebungen, doch als vereinfachte Regel hat sich dies über die Vergangenheit gut bestätigt. Das heisst folglich für die Zukunft, wenn sich der Bitcoin Preis so entwickelt, wie es sich viele in der Szene erhoffen, dann können wir hier einen Anstieg von 10x, 100x oder sogar noch mehr erwarten. Das wären dann ganz andere Dimensionen als die Weihnachtsbeleuchtung der USA.“

Bevor es soweit ist – also bevor ein Bitcoin 100.000 Euro oder mehr wert sein wird – „sollten wir daher die Weichen stellen, so dass Bitcoin-Mining, wenn sich ein solch starkes Wachstum einstellt, eben nicht zu einem zusätzlichen Problem für Gesellschaft und Umwelt wird.“

Sozialer Druck auf Miner

Christian hätte gerne, dass Mining bzw. Proof of Work zwei Grundregeln folgt: „Erstens Mining nur mit Energie, die nicht aus fossilen Quellen stammt. Zweitens Mining nur mit Energie, die nicht dringend von Zivilgesellschaft und Industrie benötigt werden, also etwa mit Überkapazitäten.“

Wie man das durchsetzen soll, weiß er aber auch nicht exakt. Sein Vorschlag ist eine Art „Public Shaming“, ein öffentliches Anprangern von fossilen Minern. „Man muss sich klar machen, dass es den kleinen Miner, der im Keller versteckt ein paar Kilowattstunden in Bitcoin verwandelt, heute kaum noch gibt. Bitcoin-Mining ist zu einer Industrie herangewachsen und muss sich wie jede andere Industrie der Gesellschaft gegenüber verantworten. Mit solchen großen Energiemengen und Abwärme-Entwicklungen kann man sich nicht mehr versteckt halten. Big-Mining hat längst den Charme und Schutz der Krypto-Anarchie hinter sich gelassen.“

Man könnte die grüne Stromversorgung der Miner durch eine freiwillige Eigenverpflichtung der Industrie einfordern, aber wenn notwendig auch durch „zivilgesellschaftlichen Protest bis hin zu politischen Optionen.“ Eine Basis für politische Maßnahmen sieht er in einer ökonomischen Mechanik im Mining: „Wir haben gerade in Europa Miner, die mit vornehmlich erneuerbaren Energien arbeiten. Jeder Hash der mit erneuerbaren Energien berechnet wird, schmälert in anderen Teilen der Welt den Profit und damit den Anreiz für schmutzige Miner – das ist gut. Generelle Verbote von Bitcoin-Mining in Europa, wie es die Links-Partei zur EU-Wahl vorgeschlagen hat, oder eine pauschale Strafsteuer für alle Miner, wären damit im weltweiten Resultat fürs Klima kontraproduktiv.“

Diesen Gedanken finde ich enorm interessant: Jedes Hash, das man produziert, verringert die Rendite der anderen Miner. Je mehr Hashes aus grünen Energien fließen, desto weniger machen die fossilen Miner Gewinn. So gesehen ist es sinnvoller für das Klima, wenn etwa die EU die grünen Miner Europas subventioniert. Genereller verstanden müsste die Politik dafür sorgen, dass grüne Energien weltweit günstiger sind als fossile Energien.

Der Energieverbrauch selbst ist demnach auch kein Problem, „sondern der Anteil an fossilen Energien. Als Nutzer von Bitcoin habe ich keine Möglichkeit, zu wählen, ob meine Transaktion mit erneuerbarer oder fossiler Energie verarbeitet wird. Das hat gute Gründe, da solch eine Unterscheidung auf Protokollebene Autoritätsstellen außerhalb der Blockchain einführen würde, was dem dezentralen und unabhängigen Grundgedanken von Bitcoin entgegensteht. Lösungen müssen daher außerhalb des Protokolls ansetzen, und gerade weil Bitcoin-Miner heute so große und nicht mehr zu versteckende Unternehmungen sind, ist das auf der zivilgesellschaftlichen und politischen Ebene möglich.“

Public Shaming von fossilen Mining-Unternehmen wäre ein erster Schritt, „die Eigenverantwortung der Industrie sichtbar einzufordern.“ Hier geht es aber vor allem darum, „in der Szene ein Problembewusstsein zu schaffen. Man muss es nicht überdramatisieren, aber klar zu sagen, dass Mining mit fossilen Energien nicht die Zukunft ist, die wir uns für Bitcoin wünschen, ist ein wichtiger Anfang, um einen lösungsorientierten Prozess in Gang zu setzen.“ Auch wenn öffentliche Meinungen die Miner an sich nicht zum Umdenken bewegen, erhöhen sie den sozialen Rechtfertigungsdruck. Es könnte so für fossile Miner etwa schwieriger werden, Investoren zu gewinnen.

Die verbesserte Datengrundlage – Christian verweist dabei vor allem auf die Daten, die Michel Rauchs für das Cambridge Center for Alternative Finances aufbereitet – kann der Zivilgesellschaft dabei helfen. Wer mehr wissen will, dem empfiehlt er einen Podcast mit Michel.

Kein Wechsel zu Proof of Stake

Oft ertönt die Kritik an Bitcoin als Klimakiller aus der Ecke mancher Altcoins, die wie Ripple und IOTA ohne Mining auskommen. Wäre es nicht sinnvoller, das Problem vollständig zu lösen, indem Bitcoin auf einen anderen, weniger stromhungrigen Konsens-Algorithmus umsteigt?

Christian sieht das kritisch. Er zweifelt daran, dass diese anderen Konsens-Verfahren wirklich funktionieren: „Es gibt einen Grund, weshalb Ethereum seit Jahren einen Wechsel zu Proof-of-Stake ankündigt, doch diesen bis heute noch nicht vollzogen hat. Ich schließe nicht aus, dass sich irgendwann ein Konsens-Mechanismus finden lässt, der vergleichbare Vorteile und Sicherheit liefert, doch dieser müsste erst in der Praxis beweisen, dass er Marktwerte in der Höhe sichern kann, so wie Bitcoin das mit Proof-of-Work aktuell bereits über Jahre tut.“ Doch selbst dann sei unsicher, ob es gelingt, den Konsens-Algorithmus auch ins Protokoll zu bekommen.

Daher findet er es effektiver, „die gesellschaftlichen Optionen außerhalb des Protokolls zu nutzen. Je früher wir damit anfangen, desto besser. Aktuell haben wir noch die Möglichkeit, mit vergleichbar geringem Aufwand dafür zu Sorgen, dass die Entwicklung in die richtige Richtung läuft. Es fängt einfach damit an, dass wir uns dem Problem annehmen und von der Mining-Industrie klar sichtbare Verantwortung einfordern.“

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