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Alles eine Frage der Perspektive: Chinesisches Ministerium veröffentlicht Ranking von Kryptowährungen

Ein Forschungsinstitut, das einem Ministerium zugeordnet ist, veröffentlich sein zweites Ranking der 35 besten Kryptowährungen. Die Ergebnisse sind überraschend. Um es freundlich zu sagen.

Wirklich sympathisch finde ich den Begriff des „Shitcoins“ nicht. Abgesehen von der plumpen Wortwahl offenbart er oft eine gewisse Feindseligkeit gegenüber Experimenten, zuweilen auch gegen Innovation, und gerne wird er eingesetzt, um einen Zaun um den eigenen Tellerrand zu bauen, so dass man nicht Gefahr läuft, sich mit anderen Dingen als seinem eigenen Lieblingscoin beschäftigen zu müssen. Die Welt ist einfach, wenn alles außerhalb der eigenen Wagenburg ein Shitcoin ist.

Andererseits dürften selbst die größten Altcoin-Fans nicht bestreiten, dass das Wörtchen seine Existenzberechtigung hat. Es herrscht ein fast universeller Consens darüber, dass die mehr als 2000 Kryptowährungen zu 95 bis 99 Prozent aus „Shitcoins“ bestehen – virtuellen Währungen, die weder technisch innovativ sind noch einen ökonomischen Sinn haben, der darüber hinausgeht, ahnungslosen Investoren das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ein erster Blick auf das neue Ranking der CCID lässt vermuten, dass das chinesische Forschungsinstitut ein großer Fan mancher Coins ist, die für viele unter der Kategorie Shitcoin laufen. Das Chinesische Zentrum für die Entwicklung der Informationswirtschaft – abgekürzt CCID – ist ein Forschungsarm des Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT), das für die Regulierung von jeder Form von Informationstechnologie zuständig ist. Das Institut in Qingdao beobachtet Kryptowährungen und Blockchains und hat nun den mittlerweile 11. „Global Public Chain Technology Evaluation Index“ veröffentlicht. Dieser bewertet 35 öffentliche Blockchains aus einer technischen Perspektive.

Die Ergebnisse sind, um es vorsichtig auszudrücken, noch überraschender als beim ersten Ranking, das im Mai 2018 veröffentlicht wurde. Auf dem ersten Platz ist EOS mit 155,7 Punkten, gefolgt von Tron mit 146,7 und Ethereum mit 142,8 Punkten. Dann gibt es eine kleine Lücke, und es folgen BitShares mit 110,7, Nebulas mit 108,6 und Ontology mit 107,7 Punkten. Über der hunder-Punkte-Marke sind weiter NULS, GXChain, NEO, Steem, Waves, Lisk, Stellar und Komodo. Bitcoin ist mit 99,4 Punkten auf dem 15. Platz, Ripple auf dem 18., IOTA auf dem 24., Bitcoin Cash auf dem 31. und Litecoin auf dem 32. Platz.

Überraschend ist nicht nur, dass EOS und Tron die Spitzenplätze belegen und Bitcoin so weit abgeschlagen ist, sondern auch – und vielleicht vor allem – dass einige Währungen, die wie Nebulas, NULS und GXChain weitgehend unbekannt sind, so weit oben liegen. Bevor man dem Institut aber unterstellt, die Lieblings-Shitcoins seiner Mitarbeiter zu bewerben, sollte man sich mit den Kriterien des Rankings beschäftigen. Eventuell gibt es schlicht etwas, das wir noch nicht wissen.

Das Ranking bewertet die Kryptowährungen nach drei Kriterien: Basistechnologie, Anwendungen und Innovation. Die Basistechnologie bewertet dabei die grundlegende Technik hinsichtlich Funktion, Leistung, Sicherheit und Dezentralisierung. Sie macht 64 Prozent des Gesamtindexes aus. Diese Gewichtung könnte erklären, weshalb die in der Marktkapitalisierung weitgehend unbedeutenden Coins Nebulas (41 Mio. Dollar), NULS (39 Mio. Dollar) und GXChain (60 Mio. Dollar) so prominent vertreten sind: Sie sind – soweit ich es beurteilen kann – technisch recht weit fortgeschrittene Blockchains. GXChain etwa nutzt lange entwickelte Technologien wie Graphene und Delegated Proof of Work, um einen Datenaustausch und einen dezentralen Markt durch eine Blockchain zu betreiben; NULS ist ein modulares Netzwerk individueller Blockchains, um eine große Menge Smart Contracts zu prozessieren; und Nebulas eine Plattform, die Anreize für die Entwicklung dezentraler Anwendungen (DApps) stellt und damit offenbar gar nicht so unerfolgreich ist.

Upgrades wie die Constantinople-Hardfork von Ethereum oder die Protokoll-Upgrades von Monero werden hinsichtlich der technologischen Basis positiv aufgefasst, wie auch Bitcoin Cash durch die Hardforks ein besseres Ranking bekommt als Bitcoin. Etwas fraglich ist allerdings, weshalb Litecoin exakt dieselbe Punktzahl erhält wie Bitcoin Cash, und ob es gerechtfertigt ist, Bitcoin selbst die schlechteste Note zu geben. Hat wirklich jeder Coin da draußen eine bessere technische Basis als Bitcoin?

Mit weiteren 20 Prozent im Ranking schlägt das Gebiet Anwendbarkeit auf. Dies betrifft „die umfassende Unterstützung der Blockchain für praktische Anwendungen.“ Da unter anderem Bitcoin Cash hier deutlich mehr Punkte hat als Bitcoin, Stellar mehr als Ripple und Zcash mehr als Litecoin, kann man annehmen, dass es nicht um praktische und reale, sondern um theoretisch mögliche Anwendungen geht.

Das letzte Kriterium ist die Innovation. Hierzu gehören „die Größe der Entwickler-Gemeinschaft und die Aktualisierungen des Codes.“ In diesem Feld liegen Bitcoin und Ethereum, die beide die größe Entwickleraktivität auf sich konzentrieren, vorne, gefolgt von EOS und Litecoin. Coins wie NEM und Ethereum Classic hingegen haben hier extrem niedrige Punktzahlen, weil die Entwicklung offenbar weitgehend brach liegt.

Kategorien wie Zensurresistenz spielen bestenfalls als Teilaspekt von Dezentralisierung eine Rolle. Dinge wie die Anzahl der Transaktionen, die Marktkapitalisierung, das Handelsvolumen, die Menge verfügbarer Wallets sowie die generelle Infrastruktur scheinen dagegen vollkommen irrelevant zu sein. Damit wirkt die Analyse des CCID so, als würde sie im weltfremden Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft erstellt worden sein. Sie gibt nicht das wieder, was auf dem Markt passiert und vernachlässigt Netzwerkeffekte – aber vielleicht lenkt sie ja den Blick auf Blockchain-Projekte, die tatsächlich recht interessant sind.

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