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80 Milliarden Dollar für ein Meme

Cardano (ADA) wird zur drittgrößten Kryptowährung nach Marktkapitalisierung. Die als Ethereum-Killer beworbene Blockchain ist damit mehr wert als der Daimler-Konzern. Dabei hat Cardano so gut wie keine Nutzer. Ist das einfach nur bizarr – oder steckt mehr dahinter?

Kryptowährungen sind weniger eine Währung als ein Vehikel, um Memes auf dem Markt in pures Gold zu verwandeln. Jackson Palmer hat das schon 2014 begriffen, als er Dogecoin gegründet hat, wenn auch eher versehentlich. Heute, im Spätsommer 2021, sollte diese Wahrheit eigentlich jedem bekannt sein, spätestens, als Dogecoin und danach viele Memecoin-Klone die Märkte stürmten.

Doch viele ahnen nicht, dass es auf den Kryptomärkten noch einen anderen, viel schwereren, geradezu adiopösen Memecoin gibt: Cardano (ADA). Die Kryptowährung hat in der vergangenen Woche einen erneuten Schub erhalten, ist auf den dritten Platz im Ranking der Kryptowährungen geklettert und hat eine Marktkapitalisierung von knapp 80 Milliarden Euro erreicht.

80 Milliarden: Es gibt genau sieben DAX-Unternehmen, die eine höhere Marktkapitalisierung haben. Daimler, die Post, BASF und viele traditionelle deutsche Großkonzerne liegen tiefer. Wir reden also von Werten, wie sie das Tafelsilber der deutschen Wirtschaft repräsentieren.

Der Grund dafür, dass Cardano in der letzten Woche in diese Höhe geschossen ist, liegt, so heißt es meistens, in einer Ankündigung von Cardano-Gründer Charles Hoskinson. Hoskinson hatte am 13. August bekanntgegeben, dass Cardano im September das Alonzo-Upgrade aktivieren würde.

Alonzo soll, erzählt Hoskinson einer seiner üblichen Videobotschaften, Smart Contracts zu Cardano bringen. Und das entspräche dem Todesurteil für Ethereum.

Ethereum-Killer ohne Smart Contracts und ohne User

Cardano wird von ihrem Gründer seit Ende 2017 als „Ethereum-Killer“ inszeniert: Eine Währung, die alles kann, was Ethereum kann, aber eben viel besser. Günstiger, schneller, dezentraler, umweltfreundlicher.

Cardano verwendet das Proof-of-Stake-Konsensverfahren (PoS). Dieses benötigt anders als das von Bitcoin und Ethereum benutzte Proof of Work keine Miner und damit keine stromfressenden und CO2-ausstoßenden Mining-Farmen. Zudem soll Cardano, verspricht Hoskinson, sehr viel besser und weiter skalieren als Ethereum, während es viel dezentraler bleibt, als Ethereum jemals war und sein wird. Das uralte Blockchain-Trilemma, demzufolge eine Blockchain nicht gleichzeitig sicher, dezentral und skalierbar sein soll, sei gelöst!

Allerdings fehlt Cardano bislang noch etwas sehr zentrales für einen Ethereum-Killer: Smart Contracts. All das, was Ethereum so großartig macht, was DeFi, NFTs, DAOs und so weiter erst ermöglicht – das gibt es bei Cardano nicht, weil es keine Smart Contracts gibt. Dementsprechend wird Cardano, trotz des ständigen Hypes, noch kaum benutzt. Wie viele Transaktionen es am Tag gibt, ist schwer zu sagen. Manche Blockexplorer sagen 14.000 bis 27.000 in fünf Tagen, andere hingegen berechnen 70.000 oder 140.000 am Tag. Das ist relativ verwirrend, aber klar ist eines: Es handelt sich nur um einen Bruchteil von dem, was Ethereum stemmt.

Bisher ist Cardano also eine relativ leere Chain. Cardano präsentiert auf einer Github-Seite zwar eine imposant wirkende Übersicht über das Ökosystem. Doch wenn man ein wenig tiefer schaut, besteht sie so gut wie ausschließlich aus Projekten, die noch nicht live sind, oder die mit vielen Coins arbeiten und zufällig auch ADA führen. Was bleibt, geht kaum über Staking, Testnets und Marketing hinaus.

Die Technologie, die sich auf dem Papier so toll liest, hatte noch keine Gelegenheit, sich in der Praxis zu beweisen. Das macht Cardano zu einer Meme-Chain: Eine Blockchain, deren Token einen Wert hat, der nicht auf dem beruht, wofür es genutzt wird – sondern auf dem, was über es gesagt wird.

Zwischen Häme und Bewunderung

Aber dies wird sich ja bald ändern. Im September soll es endlich Smart Contracts für Cardano geben. Dann, so die Cardano-Fans und -Investoren, wird ADA Ethereum vom Smart-Contract-Thron stoßen. So viele Entwickler und Startups warten nur darauf, endlich mit Cardano zu arbeiten. Charles‘ Upgrade war der Sargnagel für Ethereum, auch wenn das noch keiner weiß.

Dem widerspricht jedoch der Krypto-Großinvestor Mike Novogratz: Er habe mit zwanzig der klügsten Leute gesprochen, die er im Krypto-Space kenne, und keiner von ihnen sage, dass Cardano unter Entwickler auch nur einen Funken an Zug habe. In diesen Kanon stimmt die Ethereum-Szene ein, die für Cardano nur Spott und Häme übrig hat. Die Blockchain sei nichts als eine ICO oder ein NFT auf Charles Hoskinsons größenwahnsinnigen Youtube-Videos. Ein Interesse bei Entwicklern bestehe schlicht nicht.

Andererseits gilt Cardano vielen, die sich mit der Technik auskennen, als genial und durchdacht und als Meilenstein. Ich kann das schwer beurteilen. Mir erscheint Cardano vor allem komplex, und ein Blick in die Doku zeigt so viele Begriffe und Konzepte, die mir größtenteils oder gänzlich unbekannt sind. Ethereum ist schon extrem kompliziert; Cardano setzt dem offenbar noch etwas drauf. Daher habe ich keine Ahnung, ob die Technik wirklich so genial ist, wie Charles Hoskinson und die meisten Zuschauer seiner Videos behaupten.

Bisher zumindest scheint die „Wissenschaft“ hinter Cardano, wie sie etwa im Ouroboros-Whitepaper dargestellt wurde, zu halten. So gilt Cardano als die erste sichere und dezentrale Proof-of-Stake-Kryptowährung, die sich insoweit schon bewährt hat, dass zahlreiche Börsen Cardano-Staking anbieten und dank der hohen Marktkapitalisierung auch hohe Werte über Cardano versendet werden.

Charles Hoskinson hat die Erträge aus der ICO genutzt, um eine fleissige, kompetente und engagierte Gruppe von Entwicklern und Wissenschaftlern um sich zu scharen, die begierig darauf sind, die beste aller möglichen Krpytowährungen zu bilden. Um sie herum verfolgt und feiert eine eifrige Community jeden kleinste Erfolg, während Hoskinson und die Cardano-Foundation es durch brillantes Marketing schaffen, den Coin trotz fehlender Nutzer unter den Top-Währungen zu halten.

All das muss man erst einmal schaffen. Daher gibt es noch keinen Grund, die hohen Hoffnungen für Cardano komplett fahren zu lassen. Vor allem aber gibt es einen anderen Grund, der für Cardano spricht: Ethereum.

Doch Ethereum pfeift und knirscht und quietscht

Denn der Bedarf, den Cardano zu stillen verspricht, ist ohne Zweifel real: Ethereum ist langsam und verstopft.

Es quietscht und pfeift und knirscht an allen Ecken: Die Gebühren unerträglich hoch, die Dauer von Bestätigungen quälend lange, und um die Dezentralisierung, mit der sich die Ethereum-Entwickler so gerne schmücken, steht es auch nicht eben zum besten. Ein Full Node ist mittlerweile ein so breites, großes und tiefes Ungeheuer, dass es kaum noch Hobby-Nodes gibt. Wenn Bitcoiner spötteln, Ethereum laufe vor allem auf den Servern von Infura laufe, entbehrt das nicht ganz der Wahrheit.

Bei Ethereum registriert man die wachsenden Probleme nicht ohne Stolz. Denn schließlich ist deren Ursache ja eben die, dass Ethereum so viele User und Anwendungen gefunden hat – von Token über ICOs und DAOs zu DeFis, NFTs und all das, was noch kommen wird. Doch das Quietschen und Knirschen ist immer schwerer zu überhören. Auf der einen Seite setzt man hier auf Ethereum 2.0, das ähnlich wie Cardano auf Proof-of-Stake aufbauen soll. Die Migration auf die neue Blockchain – und an sich eine komplett neue Kryptowährung – hat mit dem Start der Baecon-Chain zwar begonnen, und die Community gibt den Entwicklern auch mit fast sieben Millionen eingelockter Ether einen gewaltigen Vertrauensvorschuss. Doch der Übergang wird noch lange dauern und kann aus vielen Gründen holprig werden.

Bis dahin hofft man bei Ethereum auf „Layer-2“-Lösungen, wie die Rollups, die kürzlich auch von Uniswap eingeführt wurden. Es gibt mittlerweile ein Vielzahl konkurrierender Layer-2-Ansätze bei Ethereum, von verschiedenen Varianten von Rollups zu Sidechains wie Polygon oder xDAI. Diese Lösungen beeindrucken durch ihre Breite und ihren zunehmende Akzeptanz  bei Startups, Dapps und auch Usern. Doch sie haben fast duchweg gemeinsam, dass sie sehr zentralisiert daherkommen und nicht interoperabel sind. Dadurch droht die Skalierung, Ethereum in eine Vielzahl zentralisierter Silos zu zersplittern.

Als bisher einzige Alternative zu Ethereum konnte sich die Binance Smart Chain (BSC) etablieren. Diese ist ein Klon von Ethereum, der auf „Proof of Authority“ aufbaut, ein sehr viel stärker zentralisierendes Konsensverfahren als Proof of Stake. Dennoch gelang es BSC etwa mit PancakeSwap, eine Horde DeFi-User samt eines stattlichen Kapitals von Ethereum her anzuziehen, ohne jedoch zu einer ernsthaften Konkurrenz für Ethereum als Innovationsmotor der Kryptoszene heranzuwachen.

So wie BSC könnte Cardano ab September eine günstige und schnellere Alternative für Ethereum-User werden, auf der Klone von allem blühen, was auf Ethereum erfunden wird. Und vielleicht, vielleicht, kann Cardano dank der womöglich überlegenen Technologie auch Innovation und Entwickler abziehen, kann also nicht nur günstiger Klon sein, sondern eine eigenständige Fabrik für neue Ideen.

Aber hier stehen noch einigen massive, leuchtende Fragezeichen – obwohl der adipöse Marktwert dies an sich zwingend notwendig machen würde. Ein Stückchen Erfolg wird Cardano nicht satt machen.

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